Nachbarschaftsliebe

Nachdem diese Woche so ereignislos begann und dennoch eine interessante Mitte zu Stande brachte, verabschiedete sie sich heute mit einem unspektakulären „Plöpp“.
Ich muss gestehen, als ich heute morgen die Augen aufschlug, rechnete ich bereits damit, dass der Tag deutlich unerfreulicher wird.
Er begann, wie jeder andere auch. Mit dem klingeln des Weckers. Das allein reicht schon, um schlecht gelaunt zu sein. Da mein Hirn dieses Klingeln aber wie gewöhnlich in aller Konsequenz ignorierte, brachen sich die niederen Instinkte Bahn. Die wirkten allerdings auch noch irgendwie verpennt für ihre Verhältnisse. Ist gestern sicher wieder spät geworden.
Ein kleines Geschenk, welches mir mein Hirn wohl noch gestern abend vor die metaphorische Tür gelegt hat, drang zu mir durch. Es war der flehentliche Wunsch, meinen Job zu kündigen, um für immer im Bett zu versumpfen. Ich gebe zu, dieser Gedanke ist kein unbekannter. Der steht oft vor meiner Tür und bettelt um Einlass.
Irgendwie schaffte ich es aber dennoch aus dem Bett und bereute meinen Enthusiasmus in der Sekunde, in der ich meinen ersten Schritt in diesen Tag tat.
Auch wenn ich auf der Arbeit peinlich genau darauf achte, dass alles ordentlich ist, lebe ich privat doch eher nach dem Haufenprinzip. Blöder Weise verbarg sich heute morgen in einem dieser Haufen irgendetwas hartes, das sich wohl durch meinen Tagesbeginn angegriffen fühlte und sich daher gezwungen sah, mich zu maßregeln. Mit anderen Worten, ich stieß mir den Zeh. Aber so richtig. Tut auch immernoch weh, wenn der mal nicht ordentlich verknackst ist.
Der restliche Tag verlief daher irgendwie schmerzhaft.

Auf dem Weg zum Auto fand ich aber dennoch Zeit, mich über die äußerst milden Temperaturen zu freuen und begann im Geiste schon damit mich zu fragen, wo ich eigentlich meinen Bikini schon wieder gelassen habe.
Kaum war das Autochen aber aus dem Käfig entlassen, zeigten sich die Schattenseiten des Wetters. Mit einem „Püff“ waren sämtliche Glasflächen beschlagen und ich sah erstmal nichts. Mich ein Mal rund ums und quer durchs Auto zu wischen, brachte keinen Erfolg, weil Scheiben und Spiegel schneller beschlugen als ich wischen konnte. Also musste es erstmal so gehen. Eine Gelegenheit mehr, meine Umwelt morgens um sieben bei offenen Autofenstern mit meinem vortrefflichen Musikgeschmack zu beglücken.
Ich schaffte es tatsächlich irgendwie lebendig und unverletzt vor dem Krankenhaus anzukommen, schnallte die Flügel um und startete in den Arbeitstag. Da die ganze Woche probentechnisch eher ruhig verlief, machte ich mich auf das Schlimmste gefasst. Aber..nichts..keine besonderen Vorkommnisse.
Heute war ein körperlich höchst anspruchsvoller Tag. Kilometergeld hätte heute wohl einen reichen Ertrag gebracht. Nicht, dass heute, entgegen aller Erwartungen, übermäßig viel los gewesen wäre. Wenn aber alle 80 Proben, die man an Tagen wie diesem so hat, einzeln kommen, hat man ganz schön was zu rennen.

Zumal, wenn im Königreich nebenan, der Ambulanz, ein König regiert, der einen gern rennen lässt. Es handelt sich dabei um keinen geringeren als König Nachforder. König Nachforder ist, wie der Name schon sagt, der Meister, ach was, der Hohepriester der Nachforderungen. Kein Auftrag von ihm geht ein, ohne dass nicht noch mindestens ein Analyt hinzugefügt werden muss.
Dabei geht König Nachforder nach einem ganz besonderen Prinzip vor. Er wartet nämlich immer mit untrügerischem Geschick auf den Moment, in dem die Probe fertig ist. Erst dann ruft er an oder schickt einen seiner Untergebenen und überbringt mir die Botschaft, dass noch etwas fehlt und ich die Probe nochmal durchs Gerät  jagen darf.
Doch noch eine Eigenschaft sticht bei König Nachforder, Herzog zu Mentos kau, deutlich hervor. Er ist furchtbar ungeduldig. Mehrmals am Tag ruft er an und fragt nach eventuell schon fertigen Befunden, wenn er nicht gerade nachfordert. Am Ende des Tages traut man sich schon nicht mehr ans Telefon zu gehen. Meist ruft er 20 Minuten nach Probeneingang an. Ich bin zwar schnell und mit Feenstaub schafft man eine Menge, aber zaubern kann ich auch nicht. Eine Analyse dauert mindestens eine halbe Stunde. Bei pflegeintensiven Proben auch gern länger. Nach erfolgtem Anruf steht er meistens dann, Kaubonbon kauender Weise, in meinem Reich und ersucht um Auskunft, da Befundübermittlung ab und an eben auch ein wenig dauert.

Aber was wäre ich für eine Nachbarin, wenn ich ihm die Auskunft nicht gewährte. Also drucke ich mindestens jeden zweiten Befund aus und übergebe ihn seiner Minzfrischheit mit Freuden.
Er ist übrigens auch immer der verpeilte, der während des EDV Crash anruft und fragt, ob die Befunde schon fertig sind oder eben irgendwas nachfordern will. Ihr habt sicher schon von ihm gelesen. Das ist König Nachforder, Herzog zu Mentos kau, Freiherr von Minzfrisch, himself.

Nichts desto weniger arbeite ich wirklich gern mit ihm, denn er ist einer der wenigen, die meine Anwesenheit wirklich zu schätzen wissen und er freut sich auch immer wie ein (zugegeben minzfrischer) Schneekönig, wenn ich nach Krankheit oder Urlaub wieder an meinen Arbeitsplatz zurückkehre. Da fühlt sich die Laborfee gebauchpinselt und rennt auch gerne mal die 5 Kilometer mehr durchs Labor.

So ist der Feierabend am Ende des Tages wenigstens gerechtfertigt.

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