Ich bin ein Gänseblümchen

Adieu, du schönes langes Wochenende. Du wirst mir fehlen! Tja, da bin ich wieder. Es ist Montag, die Stimmung tendiert irgendwo zwischen „Sprich mich bloß nicht an“ und „Ich will zurück ins Bett“ und meine Motivation ist vorsorglich gleich mal zu hause geblieben. Ich bin allerdings mal wieder ins Labor gefahren. Macht ja sonst keiner. Und siehe da: Freitag ist wohl doch die Vertretungsfee angetreten, damit der Laden läuft. Woher ich das weiß? Na ratet mal. Es war natürlich mal wieder so einiges umgeräumt. Eigentlich hätte ich Donnerstag, vor meinem Weggang auch eine Handgranate ins Labor pfeffern können und hätte dann heute wahrscheinlich immer noch weniger aufzuräumen gehabt. Besonders ärgerlich ist, dass sie in ihrem Umstellwahn scheinbar auch mein Allerheiligstes angefasst hat. Meine Online Box. Das kleine Herz meines Labors. Alle Onlineanschlüsse versammeln sich in dieser Box, soll heißen, alle Geräte hängen an dieser Box.

Jetzt hat diese blöde Box aber dummer Weise irgendwo einen argen Wackler. Ich habe Monate gebraucht, bis alles so positioniert war, dass ich nicht mehrfach am Tag die Verbindung verliere und von allen Seiten wieder dieses Online Error Terror Gepiepse zu hören ist. Vertretungsfee ist einen Tag hier und sieht sich dazu berufen ihren „Schöner Wohnen“ Gefühlen Taten folgen zu lassen und ich darf mir wieder den ganzen Tag dieses nervige Online Error Terror Gepiepse anhören, wenn in unregelmäßigen Abständen alles zusammen gebrochen ist.

Das Umräumen dauerte glücklicher Weise nicht lange, so dass ich schnell starten konnte, naja gekonnt hätte, wäre denn das Großgerät hochgefahren gewesen. War es aber nicht. Das erwachte gerade in dem Moment, als ich anfing es ungläubig anzustarren. Das sollte es eigentlich schon eine Stunde vor meinem Aufschlagen getan haben. Das die Uhren auf Sommerzeit umgestellt wurden, ist mir nicht entgangen, aber das funktionierte auch letztes Jahr ohne zu murren. Die Geräteinterne Uhr stellt sich nämlich selbst um und zeigte beim Erwachen auch die richtige Uhrzeit an. Wahrscheinlich ist der Große einfach nur ein Rebell, der die Sommerzeit schlicht boykottiert und mir auf diese Weise einfach nur seine Ansichten klar machen wollte. Hat funktioniert, morgen aber bitte wieder wie gehabt.

Montag morgen ist „zum Glück“ immer recht viel vorzubereiten, da ja alles aus dem Prinzessinnenschlaf erweckt werden möchte. Da fiel es dieses Mal nicht ins Gewicht, dass der Große verpennt hat.

Die Routine konnte ganz normal starten. Noch vor Beginn der ersten Probenmessungen stand das Telefon schon wieder nicht still, weil die ersten bereits nach ihren Gerinnungsergebnissen fragten. Wieso mache ich mir eigentlich die Mühe so etwas wie Öffnungs- und Messzeiten auszuhängen, wenn das ohnehin niemand zur Kenntnis nimmt und wieso erkläre ich diese Zeiten jeden Morgen aufs Neue irgendeinem Menschen am Telefon, wenn dieser nicht einmal in der Lage ist die „Neu“gewonnenen Informationen, mangels Hirnkapazität, auf ein Klebchen zu schreiben und für jeden gut sichtbar zu positionieren?!

Egal, ich bin ein Gänseblümchen.

Nachgefragte Ergebnisse waren selbstverständlich noch nicht fertig, aber die meisten Frager waren schon besänftigt, als ich ihnen versprach, die entsprechenden Proben gleich als erstes zu messen. Natürlich halte ich meine Versprechen.
Bis kurz vor Fahrer lief alles ohne größere weitere Vorkommnisse, dann ereilte mich ein Anruf von einer der Ärztinnen:

Ich: Guten morgen, (Geistig schon auf 180, ob der zahlreichen morgendlichen Anrufe)
Dr.: Guten morgen, Dr. Völliggenervt hier, ich bin auf der Suche nach einer Patientin..
I: Dann wollen wir sie mal suchen, Geburtsdatum?
Dr.Vg: Ich habe die Kurve jetzt gerade nicht vorliegen (eifriges gesuche und gerödel im Hintergrund) Ach, doch- Hier. -Hier bitte beliebiges Geburtsdatum einfügen-

Mal ehrlich, wie oft ruft diese Frau mich in der Woche, ach was sage ich, am Tag, an? Der Dialog läuft ständig nach dem gleichen Muster, an dessen Ende ich IMMER nach dem Geburtsdatum frage. Und immer tut sie so, als täte ich das das erste Mal, denn es liegt einfach NIE! ein Geburtsdatum vor.

I: Nein, die Patientin hatte ich heute noch nicht. Ich finde hier nichts im System, letzter Probeneingang letzte Woche.
Dr.Vg.: Haben Sie denn die anderen Proben der Inneren B schon bekommen? Ich finde hier keinen einzigen Patienten..
I: Nö, noch nix gekommen. Bisher nur Intensiv und Innere A
Dr.Vg.: Hmm ja, Ok.
-Aufgelegt-

Gerade wollte ich mich erdreisten, meine Aufmerksamkeit wichtigeren Dingen zuzuwenden, klingelte das Telefon erneut.

I: Njaaa, Fee hier?
Dr.Vg.: Völliggenervt nochmal, also es kann unmöglich sein, dass noch keine Proben eingegangen sind, die sind eben runter gebracht worden.
I: Hier ist aber nichts und hier hat auch keiner was abgegeben in den letzten paar Minuten. Liegen die vielleicht wieder (mal wieder, wie jeden zweiten Tag..) in der Kiste?
Dr.Vg: Die Kollegin sagt, sie hätte die Proben persönlich unten abgegeben, ich reich Sie mal an die Kollegin weiter.
I: -.- *rolleyes*
Kollegin: Ja wie, die Proben sind weg?! Ich hab die doch runter gebracht!!
I: Zu mir?
K: Ja, ich hab die abgegeben.
I: Dann wären sie doch hier..?!
K: Ja ich weiß auch nicht, wer hat die denn runter gebracht? (Frage an den Hintergrund)

Sagte sie nicht eben noch, dass sie die Proben bei mir abgegeben hat…?

K: Dann muss ich mal gucken wo die sind..
I: Dann mach das mal, töö

-Aufgelegt-

Als ob die den Mist nicht wieder einfach in die Kiste geballert hätten. Das war doch von vorne herein klar. Also schnell zur Kiste geschlendert und mal einen Blick ins Innere geworfen. Selbstverständlich lagen die Proben da drin.

Ich bin ein Gänseblümchen.

Um Frau Dr. Völliggenervt den Herzinfarkt zu ersparen, ließ ich, während die  Pröbis zum Schleudern in der Fuge residierten, noch rasch bei ihr durchklingeln und setzte sie vom Auftauchen der Pröbis in Kenntnis.

Dann war auch schon Zeit für Fahrerle. Der kam aber wegen Stau eine geschlagene Stunde zu spät, weswegen ich auch meine erste Pause (Ja, ich habe mehrere..meistens..selten..) nach hinten verlegen musste. Mein Magen erhob lautstark Protest, der aber unbeachtet blieb. Fahrerle war beim Frisör! Der Sommer kommt tatsächlich.

Nach meiner kurzen und von zahlreichen Unterbrechungen gelöcherten Pause, klingelte das Telefon erneut.
Dr. Vitali, Arzt der Inneren, erfreute mich mit einem Anruf. Irgendwer hätte angerufen sagte er. Wegen dem Befund einer Patientin. Da ich keine Extremwerte telefoniere, von ein paar Ausnahmen mal abgesehen, verweise ich ihn ans Haupthaus, an die Damen von der Zentrale, denn das sind unsere Telefonfeen.
Hätte ich doch bloß den Mund gehalten. Ich wäre am Besten gar nicht erst ans Telefon gegangen.
Zur Antwort bekam ich von Dr. Vitali einen Wutanfall deluxe. Immer ich.
Ich rief also, um Schadensbegrenzung bemüht, erstmal besagten Befund auf. Dort erwartete mich schon ein roman ähnlicher interner Kommentar von einer der Telefonfeen. Dieser umriss auch Dr. Vitalis Problem, welches er in den Hörer artikulierte.
Irgendwer hat beim Anlegen des Auftrags eine falsche Station angegeben und die Patientin quasi auf die HNO verfrachtet. Dort rief die Telefonfee auch an, wo man ihr sagte, die Patientin läge auf der Inneren B. Dort angerufen sagte man ihr, die Patientin läge auf der HNO und die diensthabende Schwester wollte, verständlicher Weise, keine Verantwortung für die Werte und deren Weitergabe übernehmen. Arme Telefonfee, echt mal!

Das Problem von Dr. Vitali gestaltete sich wie folgt: Irgendwer war wegen der Extremwerte an ihn herangetreten und hat Panik verbreitet und Dr. V wusste von nichts. Wie auch. Eine Weitergabe der Werte war ja nicht möglich. Daraufhin sah er sich genötigt, bei mir durchzuklingeln und mich zu fragen, was mir eigentlich einfiele, einfach irgendwo anzurufen und wahllos Werte an die Schwesternschaft zu verteilen. Um die Telefonfee in Schutz zu nehmen und auch um meinen weiteren Fortbestand zu sichern, erklärte ich ihm freundlich, was hier schief gelaufen war, in der Hoffnung es würde ihn besänftigen. Ich hätte auch einem wütenden Beutelteufel in den Gluteus maximus treten können. Nix besänftigt. Grund noch einen Gang höher zu schalten.

Was uns denn bitte überhaupt einfiele irgendwo auf den Stationen anzurufen, wir sollten doch gleich die Ärzte kontaktieren, statt die Werte irgendwo abzuladen.
Es wurde schlagartig frostig im Labor und wohl auch an seinem Ohr.
(Ich höre doofe Menschen, sie wissen nicht, dass sie doof sind. Wenn sie Mist erzählen, dann wird es kalt..)

Das war frech! Als hätten wir alle nichts Anderes zu tun, als erst einmal stundenlang zu recherchieren, welcher der Knallerbsen in weiß für welche Station zuständig ist. Statt das er froh ist, dass überhaupt jemand laut gibt, wenn es den Anschein hat, dass seine Patienten gerade verbluten. Vor Nachmittag hätte die Oberknallerbse, welche ich gerade versuchte nicht anzuschreien, nämlich sicher nicht in den Befund gesehen.
Ich habe also nochmals, dieses Mal deutlich sparsamer und auch etwas unterkühlt, versucht die Situation zu erklären, glaube allerdings nicht, dass er meine Worte verinnerlicht hat, da er einfach nur nochmals wiederholte, dass wir das nächste Mal gleich einen Arzt kontaktieren mögen, bevor er sich aus dem Gespräch verabschiedete.

Ich bin ein GänseFuckingBlümchen!!

Der Großteil des Tages verlief glücklicher Weise recht angenehm und mit den üblichen vermissten, weil nie bei mir eingegangenen Proben, wie ein gewöhnlicher Montag.
Erst kurz vor Feierabend, wollte sich dann doch nochmal so etwas wie Stress einstellen, als mein Mini für die Blutbilder plötzlich lautstark nach einem neuen Luftkompressor verlangte.
Nee ist richtig, wo soll ich den denn hernehmen bitte?!

Martin musste mal wieder her halten. Ich rief ihn kurz an und schilderte die Problematik und er gab mir nützliche Lösungsvorschläge.

  • Gerät aus- und wieder einschalten.
    Funktioniert oft, aber nicht immer, heute leider auch nicht.
  • Technik Hotline anrufen
    Klappte auch nicht, weil niemand erreichbar. Also erstmal aufs Band gequatscht.

Es rief auch rasch einer der Techniksklaven zurück, der mir dann erzählte, dass, solange ich einwandfrei messen kann (klappte..) alles kein Problem wäre, einmal bitte Zähler zurücksetzen, Problem gelöst.
Endlich mal ein Mann, der eine schnelle Lösung parat hat!
Er gelobte aber, mir trotzdem einen neuen Kompressor zu schicken, falls der aktuelle sich doch zeitnah anschicken sollte, das Zeitliche zu segnen. Das beruhigte mich zusätzlich.

Es hätte ein so schöner Feierabend werden können, aber sowohl meine Freunde von den Gefäßchirurgen, als auch meine Freunde von Ambulanz und Intensivstation dachten sich wohl im Kollektivm dass ein gediegener Feierabend zu Wochenbeginn überhaupt nicht in Frage käme und schickten mir deswegen lieber noch einen Gluteus maximus voller Proben, die natürlich alle nicht warten konnten. Und als wäre das nicht schon Grund genug mit Anlauf vor die Wand zu rennen, spielte in dem Moment die Online Box auch nicht mehr mit und keiner der gemessenen Werte wurde anständig übertragen.

Augen schließen, bis zehn zählen, atmen

ICH BIN EIN GÄNSEBLÜMCHEN!!!!!!!

2 Gedanken zu “Ich bin ein Gänseblümchen

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