Ausnahmezustand

Der Betrieb in der Ambulanz kommt heute schlagartig zum Erliegen und alle verfügbaren Kräfte versammeln sich in meinem Aufenthaltsraum, um gebannt aus dem Fenster zu starren und zu beobachten, wie sich jemand in die Tiefe stürzt.

Whoa..klingt reißerisch, oder?!

Passiert im Prinzip auch genau so. Alle bekloppt hier.

Es fängt heute morgen, kurz nach Fahrer an. Plötzlich findet vor meinem Fenster emsiges Gewusel statt und stiftet Verwirrung. Viele Autos fahren vor und entlassen viele behelmte Männlein, die über meine Wiese rennen und eifrig irgendwas bereden. Aufmerksam werde ich allerdings erst, als ich beobachte, wie eine Gruppe von etwa sechs erwachsenen Männern sich im Halbkreis vor mein Fenster stellt und geschlossen nach oben starrt.
Sind die denn alle bestusst oder was?!

Dieses Treiben beobachte ich mehrere Minuten lang und finde gleichzeitig noch die Zeit mich zu fragen, ob das vielleicht Baustellenmännlein von nebenan sein könnten, die planen ihre Baustelle bis vor mein Fenster auszuweiten. Ich sehe im Geiste schon vor mir, wie ich Chillmaster 3000 gegen eine Szenerie aus Baustellenmännlein eintauschen muss. Vollkommen inakzeptabel. Während ich die Szenerie weiter beobachte, verfasse ich im Geiste schon eine Petition, die verhindert, dass die Baustellenmännlein vor mein Fenster ziehen und da auch noch alles umgraben. Gedanken über etwaigen Lärm machte ich mir allerdings keine, denn hier ist es so laut, dass ich den vermutlich gar nicht hören würde.

Doch dann klärt mich ein Anruf von Schwester Annegret auf, in welchem sie mir mitteilt, ich solle mich bitte nicht wundern, wenn da gleich jemand vor meinem Fenster runterfällt. Unter diesem Satz kann ich mir allerdings so überhaupt nichts vorstellen und muss deswegen erstmal nachfragen, unter welchem Medikamenteneinfluss die gute Frau bitte steht und was sie mir eigentlich mitteilen möchte.

Da würde gleich ein Männlein vor meinem Fenster baumeln, weil das vom Kran hoppse.
Ja…
Ein Männlein…
Vom Kran…
Is richtig…

Immernoch nicht so ganz begreifend, was Schwester Annegret jetzt eigentlich genau von mir möchte, frage ich noch blöd nach, wieso das Männlein gedenke vom Kran zu hüppen.
Bungeejumping ist ihre Antwort. Wohl irgendwelche Werbeaufnahmen.
Ahja. Na das klingt doch alles gleich wieder, als würde es irgendeinen Sinn ergeben.

Wenn sich was tut, solle ich bescheid sagen, weil sie alle gucken wollen. Mach ich doch glatt. So ein vom Kran hüppendes Männlein sieht man ja schließlich nicht alle Tage.
Gegen Mittag wuseln die Organisationsmännlein aber immernoch durch die Gegend und es sieht nicht so aus, als wolle man in nächster Zeit damit beginnen, sich in ungeahnte Tiefen zu stürzen. So bleibt mir genug Zeit darüber nachzusinnen, wieso die Männlein ausgerechnet von diesem Kran springen wollen. Immerhin gibt es in Feenstadt nicht nur diesen einen Kran und dann sind die alle nichtmal von hier. Man sollte doch annehmen, dass es in Deutschland nicht nur diesen einen Kran gibt. Allein in Dortmund stehen doch mindestens drei Mal so viele.
Die wollen aber von genau diesem Kran springen, der da neben meinem Labor steht, was dazu führt, dass ich kurzfristig eine Drehtür in selbiges einbauen muss, weil dauernd jemand aus der Ambulanz hineinstürmt, um herauszufinden, ob es denn schon losginge.

Am Mittag sieht es dann so aus, als ginge es jeden Moment los mit dem fröhlichen Krangespringe, weswegen sich in meinem Aufenthaltsraum ein kleines Grüppchen Menschen zum public viewing versammelte. Vor meinem Aufenthaltsraum auch. Weil ich eine gute Gastgeberin bin, ziehe ich sogar extra meine Bürolamellen zur Seite, damit alle einen freien Blick auf die Wiese haben. Sonst ist da ja eigentlich nichts zu sehen, außer einem Stück Plane, auf der, bis vor kurzem, noch das Seil lag. Und so stehen wir da und warten. Zwischendurch tue ich so, als würde ich arbeiten, denn Proben kommen ja leider trotzdem. Als sich aber nach einer Stunde immernoch nichts tut, beschließt der Frühdienst, dass er jetzt doch lieber nach hause gehe, bevor er den ganzen Tag hier verweile. Eine gute Taktik, wie sich herausstellt, denn das Männlein schafft es einfach nicht von diesem Kran zu springen. Ich bin schon versucht, ihm vorzuschlagen, dass ich es schnell selber erledige, damit es in seinen Feierabend gehen kann und ich wieder meine Ruhe habe.

So ein zweieinhalb Sekunden Sprung von einem Kran scheint wirklich einen enormen Aufwand und viel Organisation zu erfordern, denn auch kurz nach Fahrer Nummer zwei ist da noch immer kein Männlein irgendwo runter gesprungen. Fast glaube ich schon, ich hätte zwischendurch geblinzelt und es so versäumt, doch die versammelte Mannschaft an Schaulustigen, gegenüber, steht immernoch da und starrt in die Höhe. Langsam aber sicher nervt mich dieses blöde Männlein nur noch. Das Aufpassermännlein am Boden rennt schon fast Schneisen ins Pflaster, weil es wohl auch langsam ungeduldig wird. Auch das Wetter steht nicht unbedingt auf unser aller Seite, denn gelegentliche Wolkenbrüche apokalyptischen Ausmaßes, scheinen das Vorhaben des Männleins doch erheblich zu stören.

Doch dann. Eine Stunde später, starrt die ganze Gaffertruppe gegenüber wieder in die Höhe und zückt Kameras und Fotohändys. Zeit für die Fee, sich das Treiben mal von draußen anzuschauen. Und was beweise ich wieder für ein Timing. Gerade, als ich am Aufpassermännlein vorbeigehe, höre ich dieses in sein Walkie Talkie reden. „Sprung in zwei Minuten“.
Naja gut, das sagte es auch schon vor etwa vier Stunden und passiert ist immernoch nix, aber das Männlein da auf dem Kran sieht schon verdammt so aus, als wolle es in den nächsten zwei Minuten da runterspringen. Oder fallen. Und tatsächlich, endlich breitet es die Arme aus, lässt sich nach vorne fallen und..naja..fällt eben.
Alles in allem eine Sache von knapp drei Sekunden. Doch ich bin froh, dass ich mich in die Gruppe der Gaffer mit eingereiht habe, denn das Bungee Seil ist so kurz, dass ich das Männlein von meinem Fenster aus gar nicht hätte sehen können. Gut, ich hätte auch wunderbar weiterleben können, wären mir diese drei Sekunden entgangen, aber wenn ich schon den ganzen Tag auf etwas warte, dann will ich das am Ende auch sehen.
Nachdem der Faller wohlbehalten den Boden erreicht hat, macht er sich gleich auf und baut sich eine Helmkamera auf den Kopf. Vermutlich möchte er also nochmal springen. Das schaue ich mir aber nicht an. Diese drei Sekunden können sich von den vorigen nicht großartig unterscheiden.

Nun steht die Gruppe Behelmter vor einem Kofferraum und referiert über irgendetwas. Ich kann aber nicht hören, um was es geht, denn ich sitze im Labor und schreibe gerade einen Bericht darüber, wie ich den ganzen Tag darauf gewartet habe, dass ein Ereignis von etwa drei Sekunden Dauer endlich eintrifft.

Da fragt man sich doch, wer hier eigentlich bestusst ist…

3 Gedanken zu “Ausnahmezustand

  1. Na die. Die haben dich einfach neugierig gemacht, deine hoppelnden Futterlieferfanten Häschen vertrieben und sich nicht ausgemährt…
    Damit haben sie einfach deine Gemütsruhe gestört. Geht ja mal gar nicht!

    Und nun stell dir mal vor, es wäre etwas passiert. Zum Beispiel das der Hüpfeflohmensch so schwer ist, dass der gesamte Kran um kippt. Das hättest du verpasst! Oder es wäre im schlimmsten Fall auf den Labor samt dir gefallen!
    Also hast du gar nicht gegafft um drei Sekunden zu vergeuden – sondern wolltest nur sicher gehen, dass der Kran, dein Labor und in erster Linie du völlig gesund bleibt.

    Und zu guter Letzt: Das Seil hätte ja auch reißen können. Stell dir mal vor DAS hättest du verpasst… xP

    Sie erlebten:
    Ein Wölfchen, dass sich über ihre Krankheit lustig macht😀

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s