Ein Herz für Nierenschalen

In meinem Labor steht eine Schale. Wie man der Überschrift entnehmen kann, handelt es sich dabei um eine Nierenschale. Zuerst war es eine ganz Ordinäre, aus Zellstoff, doch dann ließ Schwester Marina eines Tages eine Nierenschale aus Plastik auf meiner Theke stehen und was mein Labor betritt, aber nicht wieder verlässt, ist einfach mal meins. Das ist bei den Proben prinzipiell auch so, nur will ich die gar nicht haben und schicke sie deswegen weiter, an Menschen, die sie haben möchten.

Seit Anbeginn des Labors, steht auf meiner Theke, die die Probenannahme kennzeichnet, diese Nierenschale, deren Berufung es ist, Proben, welche nicht in Probentaschen abgegeben werden, solange zu beherrbergen, bis ich komme und sie einmal kräftig durchschleudere. Schwester Sandra hatte sie sich damals gewünscht, weil sie nicht wollte, dass die Proben, welche sie mir auf die Theke legte, wieder von selbiger runter rollten, da so ein Röhrchen, seiner Natur entsprechend ja nunmal rund ist.
Diesem Wunsch entsprach ich natürlich gern, da die Idee ja keine dumme war.

Nach einiger Zeit stellte sich jedoch heraus, dass diese Nierenschale scheinbar das Katzenklo des Labors zu sein scheint, da sie nicht jeder, der mir Proben bringt, als temporäres Probenaufbewahrungsgefäß annehmen möchte. Ich kann nicht ersehen, woher diese Antipathie gegen die Nierenschale kommt, aber einige Probenbringer weigern sich wehement dagegen, mir ihre zahlreichen Proben einfach in dieses Ding zu legen. Inzwischen haben sich verschiedene Typen der Schalenverweigerer herauskristallisiert.

Der Ignorant

Er ignoriert die Existenz der Schale komplett und legt seine Proben lieber neben ihr ab. Sollte eine Probe herunterfallen, wird er sich nicht scheuen, sich darüber zu beschweren, dass kein Gefäß zum Hineinlegen der Proben vorhanden ist.

Der Platzmacher

Er nimmt immerhin schonmal die Existenz der Schale zur Kenntnis, sieht sie aber eher als platzverschwendendes Ärgernis an und schiebt sie deshalb gekonnt zur Seite, um seine Proben mittig auf der Theke platzieren zu können. Ihm ist es auch sehr wichtig, dass ich gleich bemerke, dass er die Proben dort platziert hat und bleibt deswegen so lange vor der Theke stehen, bis ich das Material zur Bearbeitung wegnehme.

Der Becherfetischist

Auch er findet in seiner Informationsverarbeitung keinen Platz für das Dasein der Nierenschale, benimmt sich allerdings etwas gesitteter, als sein ignoranter Kollege, da er immerhin schonmal ein alternatives Probengefäß mitbringt. Sämtliche Proben sind in einen, oder auch mehrere Plastikbecher gestopft, welche dekorativ um die Schale herum platziert werden. Wieso man diese Becher nicht einfach in die Schale entleeren kann, erschließt sich mir an dieser Stelle nicht. Das Ergebnis sind meterhohe Türme aus Plastikbechern, die Platz in meinem Labor wegnehmen und die ich in regelmäßigen Abständen entsorgen muss. Auch ein Hinweisschild, auf dem steht, er möge seine Becher bitte wieder mitnehmen, hält den Becherfetischisten nicht davon ab, meine Labortheke optisch in eine Kneipentheke zu verwandeln.

Der Becherfan

Der Becherfan ist ähnlich ambitioniert, wie der Becherfetischist, ihm ist jedoch das Dasein der Nierenschale geläufig. Jedoch kann er es auf keinen Fall verantworten, dass seine Proben, mit etwas anderem in Berührung kommen, als dem Platikbecher und meinen Händen. Um mir aber kenntlich zu machen, dass er das Aufgabengebiet der Nierenschale prinzipiell zu würdigen weiß, stellt er den vollgestopften Plastikbecher einfach hinein.

Der mit dem Schein

Der mit dem Schein hat, neben den Proben für mich, oft noch Anforderungen zur Blutgruppenbestimmung oder andere Materialien, die einen Anforderungsschein erfordern, dabei und möchte keinesfalls, dass diese Anforderungsscheine übersehen werden. Aus diesem Grund legt er alle Probenröhrchen neben die Schale, die Anforderungsscheine, jedoch, legt er hinein. Das der Anforderungsschein viel zu groß für das Volumen der Nierenschale ist, wird geflissentlich ignoriert und sollte der Schein durch einen Luftzug hinunter geweht werden, wird er sich beschweren, dass auf der Theke zu wenig Platz herrscht.

Der Nierenschalenfreund

Er ist, wie der Name schon sagt, ein befürworter der Nierenschale, als temporäres Probenlagerungsgefäß. Leider schließt das meine Nierenschale nicht mit ein, denn er bringt jedes Mal seine eigene Nierenschale mit und sieht es auch gar nicht ein, seine Proben in die Meinige umzusiedeln, wo sie sich doch schon an seine Nierenschale gewöhnt haben. Um aber seine, grundsätzlich positive Einstellung zur Nierenschale kenntlich zu machen, hält er es so, wie der Becherfan und stellt seine Nierenschale in meine hinein, was mir meterhohe Türme an ungebrauchten Nierenschalen beschert.

Der Missverstehende

Der Missverstehende hat das Prinzip Nierenschale verstanden und verinnerlicht. Gern legt er seine Proben hinein und ist froh, ein temporäres Probenlagerungsgefäß gefunden zu haben, in dem seine Proben sicher auf mich warten können. Unglücklicherweise legt er mir ausschließlich Proben in die Schale, die gar nicht zur Bearbeitung in meinem Laborchen vorgesehen sind und damit eigentlich gar nicht bei mir abgegeben werden bräuchten, sondern gleich ,in einer Probentasche, in die Kiste für den Fahrer gelegt werden könnten.

Der Dekorateur

Der Dekorateur kommt meist nicht nur mit einer Probe, sondern gleich mit etwa einem Dutzend. Für ihn ist die Nierenschale fester Bestandteil der Probenannahme, jedoch würde ein simples hineinlegen der Proben nur seinen kreativen Prozess beeinträchtigen, weswegen er sämtliche Proben gekonnt und dekorativ um die Nierenschale herum verteilt, um so deren Gesamtbild zu verschönern.

Der Hardliner

Der Schlimmste, aller Ablehner der Nierenschale. Er ignoriert nicht nur das Dasein der Nierenschale, sondern gleich die gesamte Existenz der Theke. Kein Hinweisschild kann ihn davon abhalten, mir seine Proben direkt in die Hand zu drücken, sie mir auf die Spüle im Aufenthaltsraum zu legen oder sie dekorativ auf meinem Schreibtisch zu drapieren. Dabei versucht er gern, so wenig Geräusche wie möglich zu machen, damit ich mich, ob seiner plötzlichen Anwesenheit, auch gewinnbringend erschrecke und in meiner derzeitigen Arbeit innehalten muss, um seine Proben in Empfang zu nehmen und sie zur Probenannahme zu tragen.

Und zum guten Schluss gibt es natürlich auch genügend, die die Nierenschale gleich als das angenommen haben, was sie ist und sie auch so verwenden, aber die sind ja langweilig.😉

3 Gedanken zu “Ein Herz für Nierenschalen

  1. Ich wäre wahrscheinlich ein Nierenschalenfreund. Ich würde einfach denken, man muss seine eigene Nierenschale mitnehmen und dann natürlich stapeln, damit die vielen Nierenschalen nicht so viel Platz wegnehmen.😀
    Ansonsten kann ich noch die Becherfreunde verstehen… aber beim Rest: geil😀

    • Die Probenannahme ist recht klein und außer der Schale und den Eilproben Klebis (die ja ebenfalls in aller Konsequenz ignoriert werden) steht dort nichts, deswegen hält sich die Anzahl der Zwecke auch schwer in Grenzen. Aber auch ein angebrachter Zettel, der dazu animieren sollte, die Proben in die Schale zu legen, wurde nicht angenommen. Wer weiß, vielleicht wollen sie ja einfach nur ein wenig rebellieren.😀

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