Miss Anne Thropy

Neulich wurde ich von einem Bekannten gefragt, ob es mir nahe geht, wenn aus den Laborwerten ersichtlich ist, dass ein Patient schwer krank ist oder gar zeitnah sterben wird.

Diese Frage war für mich recht einfach zu beantworten.

Nein.

Wieso sollte es auch? Ich kenne die Menschen nicht. Ich habe keinerlei Bezug zu ihnen, außer dem, dass ich gelegentlich ihr Blut in den Händen halte. Und eigentlich nichtmal dann. Für mich ist der Patient nur ein Name auf einem bis drei Röhrchen, den ich mir meistens nicht einmal genauer ansehe. Wozu auch? Ich kenne den Patienten nicht und würde ich ihn kennen, dürfte ich mit ihm ohnehin nicht über das sprechen, was ich in seinem Blut finde.
Ich sehe nicht, wie ein Patient leidet oder sich quält. Ich sehe höchstens, das organspezifische Parameter pathologische Ausmaße angenommen haben.
Ich kenne die Krankengeschichen der Patienten nicht und wenn ein Arzt sie mir am Telefon ans Ohr quatschen will, stelle ich meist gleich auf selektive Wahrnehmung um, weil ich sie auch gar nicht wissen will. Wenn sie für meine Analysen nicht relevant ist, interessiert mich die Krankengeschichte eines Patienten einfach nicht. Punkt. Die Krankheiten an sich interessieren mich allerdings sehr wohl und mit ihnen alles, was dabei im Körper vor sich geht. Die Abläufe im Körper sind es, die mich interessieren, aber das war’s dann auch schon. Ich habe mir meinen Beruf auch nicht deswegen ausgesucht, weil ich so in der Lage bin, Menschen zu helfen oder etwas in der Richtung, dass ich Menschen damit helfen kann, ist allerdings ein hübscher Nebeneffekt. Ich habe ihn mir ausgesucht, weil ich so Einblicke bekommen konnte. Was Krankheiten mit dem Körper anstellen, was uns überhaupt krank macht, wieso wir gesund bleiben und wie der Zucker von der Schoki in die Zellen kommt. Eben solche Dinge.

Wenn es sich um junge Menschen handelt, bei denen ich im Befund sehen kann, dass ein Organ nach dem Anderen versagt oder die sich, wie hier, spontan dazu entschließen, ihre Leber zu killen, dann nehme ich das zwar zur Kenntnis und finde es auch angemessen traurig, weil ich finde, dass junge Menschen einfach nicht sterben oder sterbenskrank werden sollten, aber es wird mir keine schlaflosen Nächte bereiten. Ich bin kein Angehöriger. Ich habe keine Beziehung zu dem Menschen, der da liegt.
Hätte ich sie, weil dort jemand liegt, der mir nahe steht, sähe das anders aus.
Hätte ich sie, obwohl ich den Menschen, der dort liegt überhaupt nicht kenne, dann sollte ich mir Gedanken darüber machen, ob ich mir den richtigen Beruf ausgesucht habe.

Natürlich sind auch Patienten Menschen und hinter diesen Menschen stehen oft Schicksale, aber das sind nicht meine. Ich könnte diesen Beruf gar nicht ausüben, wenn es anders wäre. Würde ich alles an mich heranlassen, was ich in meinen Befunden sehe oder was ich von den Ärzten über die Patienten erfahre, wüsste ich nicht, was dieses Wissen mit mir machen würde. Das kann man vielleicht ein Jahr lang so machen, aber spätestens dann, ist man reif für den Therapeuten.

Privat verhält sich das ganz ähnlich.

Ich bin schon so ein kleiner Vollzeitmisanthrop. Ich würde jetzt zwar nicht von mir behaupten, dass ich die gesamte Menschheit hasse, aber sie geht mir schon recht zielstrebig am Gluteus Maximus vorbei. Sie interessiert mich einfach nicht. Aus den gleichen Gründen. Zu Menschen, die mir nicht nahe stehen, habe ich keinen Bezug. Das heißt nicht, dass ich nichts für andere Menschen tue. Wie bereits erwähnt, kann man alles von mir haben. Die Überlegung, die dahinter steht ist nur eben nicht primär die, dass ich damit anderen Menschen helfe, dass ich es dadurch tun kann, ist trotzdem schön, sondern, dass ich diese Hilfe vielleicht irgendwann selbst in Anspruch nehmen muss und nicht verlangen kann, dass mir jemand sein Blut, Organ oder was weiß ich was schenkt, wenn ich nicht bereit bin für ihn potentiell das Selbe zu tun.
Für meine Lieben hacke ich mir mit Freuden beide Arme ab und lass mir eine Magensonde legen, alles ohne zu murren. Ich betüddel meine Lieben gern wo sie gehen und stehen, aber zu denen habe ich ja auch eine Beziehung.

Ich bin generell recht schwierig, was zwischenmenschliche Kontakte angeht. Ich lerne nur umständlich andere Menschen kennen und brauche eine gewisse Zeit, bis ich mit den neu Kennengelernten auch warm werde.
Am Anfang steht immer die Eisprinzessin. Ich bin schüchtern, sehr reserviert und habe dazu noch Berührungsängste beiderseits. Ich werde nicht gern angefasst und ich fasse auch nicht gern an. Bei den meisten Menschen ändert sich das, sobald ich sie näher kenne, bei anderen ändert es sich auch dann nicht. Da lebt man entweder mit oder man lässt es eben. Menschen, die Interesse bekunden mich kennenlernen zu wollen, stehe ich meist mit Skepsis gegenüber und bis ich für mich nicht beschlossen habe, dass diese Person es auch wirklich ehrlich meint, bleibt das auch so.

Das möge bitte niemand falsch verstehen, weder bin ich anderen Menschen gegenüber besonders unfreundlich, es sei denn, sie haben es verdient und meistens nichtmal dann, noch erweitere ich nicht gern meinen Bekannten- und Freundeskreis. Ich lerne gern neue Menschen kennen und man sagt von mir, dass ich angenehme Gesellschaft bin, wenn ich denn mal warm bin. Ich bin auch nicht sonderlich egoistisch, jedenfalls nicht egoistischer als manch anderer und mache mir genauso nen Kopf über die Dinge, die in der Welt geschehen und ich nehme genauso Anteil an den Dingen, wie andere. Es ist schwierig sowas zu schreiben, ohne gleich die Hälfte der Leserschaft glauben zu lassen, man sei der Teufel in Person. Bin ich bestimmt nicht. Ich bin zwar ein bisschen bekloppt und irgendwie auch nicht ganz Dicht, aber alles in allem, bin ich glaube ich eine recht nette und liebe Person. Ich weiß gar nicht, ob man das aus dem Blog rauslesen kann, aber es stimmt echt.🙂

31 Gedanken zu “Miss Anne Thropy

  1. *grins*
    Hey ich vertshe das vollkommen… Warum sollten die dich interessieren? Ich sehe eher meine Einstellung in diesem Text.
    Man kann gar nicht alles bemitleiden bei soviel leid auf der Welt. Warum mitleid haben für eine Person die einen nicht kennt?
    Du bist kein Teufel, eher im gegenteil, du gibt deine Emotionen in dem Bereich preis wo sie hingehören.
    Ich tue es lustigerweise genauso.

  2. das klingt doch nach einer sehr guten lebenseinstellung, die ich teile. sie ist ehrlich und es klingt nach einem menschen da hinter dem blog, der sich selbst kennt und eigentlich nicht misanthropisch. nur unter all den helfersyndrom-leutn, sensationsgier getarnt durch „anteilnahme“-persönlichkeiten oder den supermenschen, die alle verstehn wollen und können man nach einem stil, der echt ist. gratulation🙂

    ich bin versucht, dich für diesen artikel zu verlinken…

    (geht mir ähnlich: http://musculardisorder.wordpress.com/2011/01/24/und-was-haben-sie/)

  3. ich hab‘ hrlichgesagt die selbe einstellung. ich empfinde selten mitleid und hasse es, mitleid, egal, ob echt oder unecht, zu „bekommen“.
    ———
    ui cool, dann wünsch‘ ich mir ein bild von einem entzündetem colon!😀

  4. Ich kann das mit dem „reserviert sein“ am Anfang eines Kennenlernes sehr gur verstehen und nachvollziehen…geht es mir doch ähnlich. Ich bin eher jemand, der erstmal abwartet, sich alles anschaut und sich dann für flop oder top entscheidet. Mein Freund sagt immer, ich wirke dann teilweise arrogant, dabei ist es nur Schüchternheit. Es gibt nur wenige Menschen, die mich von Anfang an sofort in den Bann ziehen….da muss eben eine gewisse Selenverandschaft gegeben sein, die man spürt. Dann kann ich manchmal auch sofort total gesprächig sein und mich wohlfühlen. Ich finde auch, dass du, nach dem,was man so aus deinen Berichten herausliest, ein sehr lieber, sympatischer Mensch bist. Bei dir bin ich mir sogar auf die „Entfernung“ sicher, dass wir uns im „echten“ Leben gut verstehen würden. :o)

    • Ja, das kenne ich gut. Ich checke lieber erst die Lage. Ich kenne Leute, die verstehen sich gleich mit jedem, sobald sie einen Raum betreten, aber das ist so gar nicht meins.
      🙂 Ich danke dir, für diese Einschätzung,

  5. Ich kenne das, ich glaub, ich bin da ganz ähnlich (also, im Privaten, ich bin ja keine Fee – beruflich eher ein Teuferl). Wobei ich sagen muss, wenn meine beste Freundin mir Leute vorstellt, haben die schon mal einen Vorsprung ganz fremden gegenüber. Das ist so, als hätten die schonmal ein Qualitätssiegel bekommen.

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