Freitag, viel zu früh in Deutschland

Furchtbar, wenn ich schon so früh am morgen dazu genötigt werde meine Stimmbänder zu benutzen, um artikulierte Laute von mir zu geben. Die unartikulierten funktionieren am Morgen komischerweise viel besser.

Jedenfalls fühlt sich gerade wieder jeder dazu berufen mich irgendwie vollzuquatschen. Von dem Schwesternverein bin ich das ja eigentlich gar nicht anders gewöhnt, aber jetzt ist es schon soweit, dass ich von Patienten angequatscht werde. Am frühen morgen. Wieso?

Ich weiß nicht, ob ich es bereits in dem ein oder anderen Nebensatz erwähnte, aber früher gab es hier drei Fahrertouren. Die erste war um halb acht, also vor meinem Eintreffen im Labor. Diese wurde aber, aufgrund der Probenanzahl, wieder gestrichen, weswegen ich nun jeden Morgen in die Fahrerkiste gucken und mir meine Pröbis da raus friemeln muss.

Da stehe ich auch an diesem, heutigen Morgen. Ich stehe also da, hantiere an den Proben rum und denke an nichts Böses, als plötzlich jemand damit beginnt auf mich einzuquatschen. Ein Passant. Dieser ignoriert dabei vollkommen, dass ich weder einen Kittel, noch Kasack (Schwesternkluft) trage. Im Prinzip könnte ich also auch die Putzfrau sein. Oder ein anderer Patient. Oder jemand dahergelaufenes von der Straße, der nur mal gucken wollte, was sich in diesen ominösen Taschen befindet.
Interessiert Herrn Passant herzlich wenig. Innerhalb von Sekunden begräbt er mich unter einem Schwall von Worten und haut mir dabei die komplette Krankengeschichte des Patienten, den er begleitet, um die Ohren. So schnell kann ich gar nicht auf selektive Wahrnehmung umschalten, wie er mit Informationen um sich wirft. Was darauf folgt, ist ein erwartungsvoller Blick. Scheinbar erwartet er nun von mir eine halbwegs kompetent wirkende Antwort, die ausdrücken soll, dass seine soeben abgesonderten Worte in meinem Hirn angekommen sind und dort im Bestfall auch gleich verarbeitet wurden.
Ich sehe mich, körperlich wie geistig, allerdings nur dazu befähigt, ihn darauf hinzuweisen, dass er die Wortbombe völlig umsonst vor mir gezündet habe und das alles nun nochmal den Damen von der Anmeldung vortragen dürfe, was er auch gleich hochmotiviert in die Tat umsetzt.

Immerhin bin ich damit aus dem Schneider und kann weiter Proben aus der Kiste fischen.

Als es Zeit ist, die Proben gen Haupthaus zu schicken, kommt ein schwer genervtes Fahrerle durch meine Tür und aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus.

F: Irgendwas stimmt doch mit denen hier nich..

I: ???

F: Erst geh ich runter, will was abgeben, sagen dir mir, das muss hoch. Dann geh ich hoch, will das da abgeben, sagen die mir, das muss runter. Ich renn doch jetzt nich ne halbe Stunde hoch und runter, weil die sich nich einigen können..

I: Mal abgesehen davon, dass du das auch nicht darfst, du bist ja jetzt schon wieder viel zu spät. Ich wollt dich schon ausrufen lassen..

F: Eben. Und zur Krönung geben die mir das hier mit, so wies is..

Fahrerle beginnt mit zwei Blutkonserven vor meinem Gesicht rumzuwedeln.

F: So darf ich das gar nicht mitnehmen. Stell dir mal vor, ich bau nen Unfall oder die gehen einfach so irgendwie kaputt. Was glaubste, wie das aussieht.

Nicht, dass ich das nicht wüsste. Der FahrerleKollege stand hier schließlich schon Blutüberströmt, weil ihm so ein Teil geplatzt ist.

F: Die sagen, der Patient, für den das Blut war, ist gestorben..

I: Und die ordnungsgemäße Verpackung hat er beim Sterben gleich mitgenommen oder wie?

F: Ich frage mich auch, was mir das sagen soll. Jedenfalls darf ich das so nicht transportieren. Stell dir mal vor, die Polizei hält mich an und da fliegen lose Konserven im Auto rum..

I: Ich stells mir lieber nich vor.. Die sind hier leider manchmal nicht so groß im Mitdenken. Is leider so..
Schmeiß die doch einfach mit in die Kiste, dann fliegen sie wenigstens nich so lose rum..

F: Hab ich auch schon gemerkt
Nee, ich ruf jetzt beim Haupthaus an und frage die, was ich machen soll..

Und da ist das genervte Fahrerle auch schon wieder verschwunden.

Ich darf am Montag nicht vergessen zu fragen, wie das noch ausgegangen ist.

Und all das noch vor dem Frühstück. Grausam. Aber vielleicht wird der Rest des Tages ja etwas ruhiger.

Jetzt wird erstmal was schnabuliert.🙂

4 Gedanken zu “Freitag, viel zu früh in Deutschland

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