Reklamation

Ich will einen neuen Mittwoch, meiner ist Scheiße. Ach, was sag ich, gebt mir gleich eine ganz neue Woche. Ich fang die auch nochmal von vorn an, ist gar kein Problem. Aber mit dem Mist, der mir hier als Woche vorgesetzt wird, kann doch niemand arbeiten.

Das geht doch heute morgen schon los. Man kommt rein, lässt die Geräte spülen, wartet den ganzen Verein, sagt dem Praktikanten, der einen bittet, die Gerinnung doch bitte vorzuziehen, dass man das gern tun wird und dass man, wie gewünscht, auch gern bereit ist anzurufen, wenn die Ergebnisse vorliegen, startet die Kontrollen und keine zehn Minuten später…

klingelt das Telefon.

Station will wissen, ob die dringende Gerinnung schon fertig ist.

Wieso führe ich diese Diskussion überhaupt noch? Es ist 08:20 Uhr, an meiner Tür steht, dass vor 09:00 Uhr keine Proben laufen. Wöchentlich telefoniere ich mit denen und erkläre, dass vor 09:00 Uhr keine Proben laufen. Ist diese Information wirklich so schwer zu verinnerlichen? Formuliere ich sie vielleicht so kompliziert, dass der Verein da oben sie einfach nicht begreift oder sind die einfach nur so hohl, dass die sogar in Milch schwimmen?!

Das kann doch wirklich nicht wahr sein. Und wieso rufen die überhaupt an? Habe ich nicht gesagt, ich rufe an, wenn die Probe fertig ist?
Ich habe nicht angerufen, also ist doch der logische Umkehrschluss daraus, dass die Probe auch noch nicht fertig ist, wieso rufen die dann also an?!

Während des Telefonats, kann ich mir ein lautes Lachen einfach nicht verkneifen, weil ich mir langsam nur noch vorkomme, als sei ich eine Schallplatte mit Sprung. Zumal es auch noch IM-MER wieder die gleiche Schwester ist, der ich den Käse erkläre. Es stimmt schon, was die Leute sagen, irgendwann kann man einfach nur noch drüber lachen. Die Alternative wäre weißglühende, unbändige Wut, die man seinem Gegenüber nur zu gern in den Rachen stopfen würde.

Immerhin läuft der Tag gut an. Die Kontrollen sind alle in Ordnung, sogar das Fibrinogen erreicht fast den Zielwert. Die Ruhe vor dem Sturm, wie sich schnell herausstellt. In Windeseile habe ich gefühlte 732 Milliarden Notfälle auf der Theke liegen, die auch alle telefoniert werden müssen, weil sich scheinbar niemand mehr dazu berufen fühlt, mal auf den PC zu gucken und die Ergebnisse von da abzulesen.
Dies allein ist der guten Laune, die sich bereits wohlwissend in die allerhinterste Ecke meines Bewusstseins gedrängt hat und dort nun schwitzend und ängstlich an der Wand kauert, schon nicht gerade zuträglich. Das dann aber noch das Haupthaus anruft und mir seinen Begehr unterbreitet, lässt sie spontan von der nächsten Klippe springen.

Meine Challenge lautet wiefolgt: Alle Räumlichkeiten ausmessen. Alle Wände, alle Fenster, alle Türen.

Jetzt.

Da ist doch einer als Kind ganz mächtig in den Zaubertrank gefallen…

Zwei Jahre lang, hat es keinen Furz interessiert, was ich hier für Raummaße habe und jetzt, einen Monat bevor ich weg bin, hat das plötzlich oberste Priorität, dass man weiß, wie meine Räumlichkeiten aussehen? Die verarschen mich doch oder? Und das an einem Mittwoch, wo ja generell nie irgendwas los ist, schon gar nicht morgens.

Man könnte sagen, dieser Auftrag verstimmt mich ein wenig, aber das wäre schamlos gelogen. Ich sprach eben von weißglühender Wut. Kommt dem schon näher. Ich werde ja eigentlich nicht wütend, nie.
Ich koche innerlich. Mich dann anzusprechen ist mutig. Mich mit absolut schwachsinnigem Mist zuzusabbeln ist nah an lebensgefährlich. Egal, welches Anliegen man dann an mich hat, freundlich nehme ich das sicher nicht mehr entgegen. Ich versuche zwar mein Möglichstes, aber freundlich bekomme ich in diesem Zustand nur noch unter großer Anstrengung hin.

Da es aber mit einem „Was stimmt mit euch da hinten denn eigentlich nicht?!“ leider nicht getan ist, organisiere ich mir, leise vor mich hin fluchend, ein Maßband und beginne damit, meine Räumlichkeiten zu messen. Leider kann mir die Ambulanz nur ein 1 Meter langes Maßband ausleihen, was bei einer 7 Meter langen Wand irgendwie lächerlich erscheint, aber da es nicht anders geht und ich auch keine Lust habe, mich wegen eines besch….eidenen Maßbands  durchs halbe Haus zu telefonieren, muss es eben so hinhauen. Und sind wir mal ehrlich: Mich kann es doch einen ganz feuchten Scheißdreck interessieren, ob das, was ich da jetzt gemessen habe, so stimmt oder nicht.
Was den Schwierigkeitsgrad des ganzen Unterfangens noch erhöht, ist die Tatsache, dass mein Vorgänger von effizienter Platznutzung noch nie irgendwas gehört zu haben scheint und deswegen tatsächlich jede Wand bis zum Gehtnichtmehr verbaut hat. Ohne auf Arbeitsplatten zu klettern oder hinter Großgeräte zu kriechen, kommt man da gar nicht ran. Und da die natürlich auch noch die Raumhöhe haben wollten, muss ich auch noch auf eine Leiter steigen. Währenddessen frage ich mich mehrfach, ob das meine Versicherung wohl abdeckt. Ich hätte aus Trotz von der Leiter oder der Arbeitsplatte fallen und mich danach die letzten fünf Wochen krank schreiben lassen sollen. Fällt mir aber leider zu spät ein.

Im ersten Raum fluche ich noch laut. Im Zweiten nur noch leise und im Dritten macht sich vollends bemerkbar, dass ich bisher noch keine Pause hatte,  somit weder etwas gegessen, noch etwas getrunken habe und es mal wieder muckelige 35°C im Labor sind. Am Gluteus Maximus die Waldfee.
Und es ist ja auch nicht so, als sei das das Einzige, was es zu tun gibt. König Nachforder läuft in solchen Situationen ja grundsätzlich zielsicher zu Höchstformen auf und vergisst auch heute wieder gekonnt, dass ich nicht allein für seine Belange zuständig bin. Wenn er nicht nachfordert, ruft er an und fragt nach Ergebnissen. Das macht Laune, das hält die Pumpe in Schwung und lässt mich kleine Trampelpfade in den Laborboden rennen. Und wenn es nicht König Nachforder ist, dann ist es der ganz normale Betrieb und heute ist wahrlich nicht wenig los. Dagegen war der Montag ein Kindergeburtstag.

Als alles ausgemessen ist, kann ich endlich die Kollegin im Haupthaus anrufen und den ganzen Schnodder durchgeben. Ich bin wirklich geschafft. Das kleine selbstgebackene Brot meiner Tauschpartnerin fand keine Gelegenheit, sich seine Umgebung näher anzusehen. Aus der Tüte in meinen Bauch in etwa 30 Sekunden. Weg war es. Lecker war es auch.
Immerhin ist die Wut der Erschöpfung gewichen, so dass ich keine Gefahr mehr für andere darstelle und mich, Minigugl kauend, in diesem Blogpost auskotzen kann.

Lektion des Tages: Räume ausmessen bei Temperaturen über 30°C macht keinen Spaß. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es bei moderateren Temperaturen spaßiger ist.

Und immerhin kann ich mich nicht beschweren, dass die erste Tageshälfte nicht zügig an mir vorbeigezogen wäre.

Wird die zweite Tageshälfte wohl auch, denn die Probenflut reißt einfach nicht ab…

16 Gedanken zu “Reklamation

  1. Willst du meinen Mittwoch im Tausch? 54 Poben und einen immer noch durch Abwesenheit wegen verschleppter Krankheit glänzenden Kollegen hätte ich anzubieten…
    Was sagte denn die Schwester zu deinem Lachanfall am Telefon? Hat sie es denn JETZT verstanden?
    Wie groß ist denn dein Laborchen nun? Drei Räume für eine Person klingt luxuriös.

    • Ich lehne mich mal gaaanz weit aus dem Fenster und behaupte, dass ich spätestens nächste Woche die gleiche Diskussion wieder führe. Ich glaube, mein Lachen hat sie etwas verärgert.
      Das eigentliche Labor ist nur in einem Raum. In einem stehen die Kühlschränke mit den Kontroll- und Analysen Reagenzien. In dem darf ich mich zwar aufhalten, aber eigentlich nicht essen etc.. Der ist schon für weitere Gerätschaften und so vorgesehen. Und der dritte ist quasi die andere Seite meiner Theke. Einfach ein Mini Durchgangszimmer, mit einem Einbauschrank drin. Man hat also nicht so viel Platz, obwohl es danach klingt. ^^

  2. meinen mittwoch kannste haben. ich habe eine streikende kaffeemaschine, 33 grad im büro, einen intranet-zugang, bei dem eigentlich nur noch das analoge einwähle krrschhhh.ggrgrgrkkkkkkrrr fehlt (ist ja nicht so, dass es nicht mein job wäre, neeeeinnn). und techniker, die sich verleugnen lassen…..(kleiner auszug)…

    warum haste denn beim ausmessen nicht gestreikt? ich mein, DAS ist noch verdammt noch mal NICHT dein JOB!

    • Aber wer soll es sonst machen? Der Job der Hausmeister hier ises auch nich und die bekloppten vom Haupthaus sind 80km weit weg. Und der Job, des Neuen ises nunmal leider auch nich..
      Scheint ja für viele ein absolut beschissener Mittwoch zu sein..

      • naja, wer soll es sonst machen. am gluteus maximus würd ich mal sagen ^^… ich hätte mich schlicht geweigert…😉

        ja der mittwoch ist beschissen. und ich habs heute morgen, kaum meinen arsch am schreibtisch platziert vorhergesagt…

  3. Gibt es schon den Reklamationsschein für den Mittwoch ? wenn nein kann die Reklamation leider nicht bearbeitet werden.
    Aber mein Mitgefühl sei dir gewiss.
    *die Schokolade hinstell*
    Und was die „Mitarbeiterin“ angeht,
    Es gibt solche in allen Sparten des Krankenhauses, manchmal fragt man sich ob man die Sprache wechseln muss ? das Anliegen Tanzen oder doch zu Anwendung von körperlicher Kraft gegen empfindliche Körperteile greifen muss.
    Einfach dran denken bald hat sich das Thema erledigt

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s