Dörte

Ich bin ja nun seit einigen Wochen an der Uni und habe meine Mitstudierenden bereits ein bisschen kennengelernt und auch ein paar Menschen, Lukas und Carola, gefunden, mit denen ich mir die Zeit an der Uni vertreiben kann. Entweder wir lernen oder wir hauen uns ins Café, das sich in der Nähe des Campus befindet oder wir sitzen in der Caféte. Die meiste Zeit ist es sehr lustig mit den beiden, doch es gibt auch noch Dörte.

Dörte kommt frisch vom Gymnasium und ist daher noch wenig sozialisiert. Außerdem kommt sie von einem Elitegymnasium und glaubt daher, dass sie die ganz große Nummer ist. Noch dazu ist sie das Kind eines Mathelehrers. Wie das in ihr Verhalten einfließt, weiß ich nicht, aber Lukas sagte, das sei irgendwie relevant.
An sich hatte ich nichts gegen Dörte. Sie ist ein kleiner Klugscheißer, der krampfhaft sein Wissen an die Menschheit bringen will, aber das ist ja erstmal nichts Schlechtes.

Allerdings ist mit der Frau trotzdem irgendwas nicht in Ordnung, so scheint mir.

Ich war mit einigen Leuten, darunter auch Dörte, in der Ubahn, auf dem Weg zum Klinikum, um der Chemievorlesung beizuwohnen und hielt mich an einer der Haltestangen fest, während Dörte etwas wacklig an einer Halteschlaufe hing. Und damit sie bei der nächsten Bremsung nicht durch die Bahn fliegt, fragte ich, ob wir nicht vielleicht die Plätze tauschen sollten. Und ehe ich mich versehe, heißt es, ich sei garstig, weil ich mich über ihre Größe lustig mache. Hallo?! Am Hörsaal angekommen, hatten wir noch Zeit, um ein wenig zu lernen. Dörte blickte in ihr Zoologiebuch und ich fragte, ob sie gerade Epithel wiederholt, einfach, weil es mich interessierte. Und als Antwort bekomme ich ein trotziges „Ja. Oder ist das etwa verboten?!“. Tschuldigung, aber geht’s noch?!

Und solche Klamotten kommen andauernd. Entweder sie sagt mir durch die Blume, ich sei faul oder ich sei dumm oder, seit neustem, ich sei alt. Klar, im Gegensatz zu ihr, bin ich alt, aber sowas lass ich mir von der doch nicht einfach sagen. Die kleine Bratze wird richtig persönlich, obwohl ich ihr nie was getan habe. Wie gesagt, sie ist noch recht wenig sozialisiert und hat noch nicht so wirklich einen Plan davon, wie der Hase läuft aber deswegen muss ich mich nicht von einem Kackblag anmachen lassen, das nur einen Steinwurf davon entfernt ist, 10 Jahre jünger, als ich zu sein. Blöd für sie, dass sie ausgerechnet mich dazu auserkoren hat. Das Einzige, was mich derzeit davon abhält, sie anzubrüllen, sind Lukas‘ Intervention und die Tatsache, dass ich so kurz nach Studienbeginn einfach keine Lust auf Stress habe. Also gehe ich ihr aus dem Weg wo ich kann und wenn das nicht geht, spreche ich so wenig wie möglich mit ihr und wenn auch das nicht geht, bin ich, wie ich dann immer bin. Distanziert, einsilbig, kühl. Ich muss niemanden mögen, der mich nicht mag. Lukas meint zwar, dass er nicht glaubt, dass sie mich nicht leiden kann, weil sie nämlich immer in regelmäßigen Abständen angeschissen kommt, aber wenn das ihre Art von mögen ist, dann will ich trotzdem nicht mit ihr reden, denn dann ist sie nämlich wirklich eine Bratze. Ich habe einfach selbst zu wenig Sozialkompetenz, um ihren Mangel daran kompensieren zu können.

Derzeit hoffe ich einfach, dass sie es von selbst hinbekommt und ich nicht die Rolle des Alphaweibchens übernehmen muss, das sie in die Schranken weist. Als hätte ich derzeit nicht wirklich andere Probleme. Physik zum Beispiel.

Oder Botanik. Wo mir dann wieder einfällt, dass ich ja noch gefühlte 76 milliarden Chloroplasten zeichnen muss. Das werde ich dann jetzt wohl mal besser tun.

Habt einen schönen Abend

5 Gedanken zu “Dörte

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