Neulich in der S-Bahn

So, die Klausuren sind erstmal abgehandelt, Statistik lief katastophal, darf also in 5 Wochen nochmal geschrieben werden. Schlecht für mein Ego, reden wir nicht drüber. Immerhin hatte ich gestern Abend endlich wieder Zeit das Rudel zu entertainen. Die waren schon ganz verwildert. All meine Erziehungsversuche waren dahin, was einiges Zwangsputzen mit sich brachte. Die beißen einem in die Zehen, Teufelspack. Einen Haufen Anarchisten hab ich mir da ausgesucht. Heute muss ich mich dringend um ihre Behausung kümmern. Zwei Wochen hatte ich keine Zeit dafür. Die armen Viecher.

Das wollte ich aber, wie man der Überschrift entnehmen kann, gar nicht erzählen und schwafele einfach nur vor mich hin.

Vor drei Tagen sitze ich in der S-Bahn von der Uni nach Hause. Am Essener Hauptbahnhof steigt ein Pärchen zu. Bepackt bis unter beide Arme mit irgendwelchen Taschen und Tüten. So weit, so ungewöhnlich. Die beiden setzen sich ein paar Reihen vor mir auf einen leeren Vierersitz, gegen die Fahrtrichtung, so dass ich sie genau im Blick habe, wenn ich in ihre Richtung gucke. Bisher nehme ich die beiden nur rudimentär zur Kenntnis. Irgendwann während der Fahrt, lasse ich aber meinen Blick schweifen und sehe wie die beiden anfangen einander abzuknutschen. Auf so richtig eklige Weise. War schon mehr so ablecken. Also die Sorte knutschen, die meistens noch in anderen Aktivitäten, die die allgemeine Zuneigung zum Gegenüber zum Ausdruck bringen sollen, gipfelt. Das war schon nicht so schön, aber was solls. Ich bin eine verbitterte, zynische Frau, was soll ich auch anderes sagen.
Wäre es doch dabei geblieben. Doch ihr reicht das scheinbar noch nicht. Sie möchte ihrem Männe ganz nah sein und setzt sich auf seinen Schoß. Breitbeinig. Mit dem Rücken zu mir. Das Gesicht sehe ich nicht mehr, dafür aber die Bierflasche, garantiert nicht die erste an diesem herrlichen Tag. Dann ist die Sache natürlich klar. Wenn man den Tag in Bad Strackistan verbringt, schlägt das die Hemmungen natürlich irgendwann in die Flucht.
Mir tut die arme Frau leid, die den Fehler beging, sich vor dem beginnenden..Akt..zu den beiden zu setzen. Immerhin fragt die Liebende scheinbar, ob es die unfreiwillige Zuschauerin stört, denn dadurch, dass sie, die Liebende, ihrem Kerl nun wirklich, wirklich nah ist, rückt die der armen Frau ganz schön auf die Pelle.
Beim bloßen Sitzen und sich an der Nähe des Anderen erfreuen bleibt es natürlich nicht. Man bewegt sich vor und zurück und hin und her und küsst ihm voller inbrunst die Lippen und die umliegenden Areale, schleckt ihm also, mit anderen Worten, die Visage ab. Ich habe mir natürlich wieder den besten Platz ausgesucht. Ich sitze genau so, dass ich alles sehe. Selbst wenn ich aus dem Fenster gucke, weil ich mir das nicht ansehen will, sehe ich die beiden in der Reflektion. Ich will das wirklich nicht sehen. Ich will nicht. Die Olle frisst den da jeden Moment. Wahrscheinlich kann ich von Glück sagen, dass die ihre Hosen immernoch an haben. So umsichtig ist er dann doch. Sie ist zu keiner Umsicht mehr fähig. Sie räkelt sich da auf ihrem Kerl rum und hat Spaß. Den hat er scheinbar auch. Weiß allerdings nicht so genau, wie er sitzen soll, um den Spaß zu optimieren. Mal die Beine am Sitz gegenüber abgestützt, mal breitbeinig bis Ultimo. Naja ist sicher auch nicht bequem, seine Olle da auf sich sitzen zu haben, wenn man dabei nichtmal Sex haben kann. Also gekonnt hätten die sicher. Ich bin dankbar, dass sie es nicht getan haben.

Irgendwann bekommt sie einen Anruf auf ihrem Handy, was sie dazu veranlasst, sich neben ihren Mann zu setzen, der Anrufer hat einen Orden verdient. Jetzt wirds richtig großartig. Während sie ins Telefon lallt, realisiert er, dass wir gerade in ihre Zielhaltestelle einfahren und sie sich gefühlte 15 Taschen unter die Arme klemmen müssen. Sie ist allerdings nicht multitaskfähig und realisiert deswegen nicht, dass sie Aussteigen muss, was er ihr nun auf pantomimische Weise zu vermitteln versucht.
Nun Auftritt stracke Olle. Großartig. Sie checkt endlich, dass sie aussteigen muss, er steht schon mit vollgepackten Armen in der S-Bahn Tür und versucht diese offen zu halten, während sie zu den verbliebenen Taschen wankt. Da sind noch genug übrig. Aber sie beendet das Telefongespräch nicht, weit gefehlt, stattdessen versucht sie Telefon und Taschen mit den ihr zur Verfügung stehenden Gliedmaßen in Einklang zu bringen. Irgendwann hat sie auch diese Hürde gemeistert und wankt auf ihren High Heels, die im Suff natürlich auch absolut unerlässlich sind, da sie ab einem gewissen Pegel dafür sorgen, dass man absolute Souveränität ausstrahlt, in Richtung Tür. Geschafft.

Den Großteil der restlichen Fahrt musst ich ohne Entertainment verbringen, weil die Bahn recht leer ist. Bis wir zum nächsten Hauptbahnhof kommen. Es strömen eine Menge Menschen in die Bahn, welche sich im Waggon zu verteilen beginnen und auch zu dem Platz kommen, auf dem das Traumpaar bis vor kurzem noch saß.
Nun der letzte Akt der Erzählung. Ein Mann geht zu dem Platz, legt ein verwundertes Gesicht auf, hebt eine große Tasche hoch und fragt eine Frau auf einem der benachbarten Sitze, ob sie wisse, ob die Tasche jemandem gehöre. Da hat Frau Strack doch vor lauter telefonieren oder aus allgemeiner Verwirrung glatt eine Tasche nicht mitgenommen. Ich würde gern wissen, ob es einem der beiden irgendwann aufgefallen ist, dass da Krempel fehlt.

Glück gehabt. Hätte sie die Tasche gleich am Bahnhof vergessen, wäre der sicher wiede evakuiert und die Tasche gesprengt worden.

Oder so.

21 Gedanken zu “Neulich in der S-Bahn

  1. Aber so ein bisschen schizophren kommt mir der Bericht dennoch vor.

    Einerseits kann sich dem furchtbaren (oder fruchtbaren?) Anblick nicht enzogen werden – selbst beim aus dem Fenster schauen sieht man das Spiegelbild. (Wenn es mir SO auf den Keks gegangen wäre, hätte ich mich einfach auf die gegenüberliegende Bank gesetzt – Problem gelöst.)😉

    Andererseits ist anschließend des gesamte Entertainment weg. Da kann der Gesamteindruck doch nicht so abschreckend gewesen sein. Oder war es so grausam, dass man wegen der Faszination des Grusels den Blick nicht abwenden konnte?

    Da haben wir es wieder. Die menschliche Psyche ist – ob gewollt oder nicht – einfach verdammt vielschichtig…😀

    [Aber so am Rande: Ein Buch, egal ob Fachbuch oder einfach nur „Lesemasse“ hatte ich als Student immer dabei. Hat mich davon abgehalten, einen Haufen umwerfend schöner Weiblichkeit nachzustarren, die ich Mangels Selbstbewußtsein sowieso nie angesprochen hätte, und wegen dessen ich mich anschließend auch noch in Selbstvorwürfen gebadet hätte. Gedrucktes ist reiner Selbstschutz!]

    • Normalerweise habe ich auch immer etwas zu lesen dabei. Aber mangels Geld habe ich derzeit keinen Lesestoff und da ich alle meine Bücher bereits mindestens drei Mal gelesen habe, gibt es für mich aktuell keinen Anreiz.

      Nein, wegen sowas setze ich mich nicht weg. Irgendwoanders hin kann man immer sehen, wobei das schon echt viel von Autounfall hatte. Man wollte es nicht sehen, wegschauen konnte man aber dennoch nicht. Und spätestens das Finale hätte ich auch nicht verpassen wollen.

      • Naja, den jetzt beschriebenen Ablauf – 1. Po hoch; 2. Körper um 180° in der Längsachse drehen; 3. Po runter – würde ich nicht als „wegsetzen“ definieren, sondern eher als „minimale Anstrengung mit maximalem Ergebnis“.

        Andererseits – wenn die beiden doch frisch verliebt waren, beide bei Mutti wohnen, und sich kein Hotelzimmer leisten konnten (alles Geld für volle Tüten ausgegeben) – wo sollen sie denn sonst übereinander her fallen? Und wer weiß, was er ihr bei der Einkaufstour so gekauft hatte neben dem Bier – vielleicht einen Ring mit echtem Schmolltowski-Kristall?😀

        Immerhin – sie hatte keinen Rock an. Sonst hätten die beiden wahrscheinlich die Strecke mal bis zur Endhaltestelle ausprobiert…

      • Ich kann dir da nur ein eBook empfehlen. Der Reader ist allerdings in der Anschaffung auch erst mal teuer. Und dann umschauen, was es so an kostenloses Lesematerial gibt. Und sobald man wieder Geld für Bücher hat, kauft man sich eben die eeee-Version und kann mehrere Schmöcker auf einmal dabei haben, um in der richtigen Situation richtig zu reagieren.
        Bei der Schmußeszene z.B. ein Horrorschinken?😀

        Außerdem haben ebooks durchaus schon Spielchen mit drauf, man kann sich also auch bei Leseunlust aushelfen (meines hat Sudoku und Schach Standardmäßig installiert).;)

        Allerdings hat das Ding drei Nachteile:
        Die Anschaffung ist recht teuer (je nachdem worauf man Wert legt eben. Meines ist 170€ schwer, gehört aber dafür zu den Besten auf den Markt, da es wirklich jedes Format lesen kann – was beim Kindle als bekanntester eReader nicht kann, ein externer Dienst hat kein Zugriff auf die Bücher – was bei Kindle und Amazon durch aus der Fall ist, weswegen Amazon Bücher löschen kann – man kann es über Calibre (DIE eBook-Software) konfigurieren und man kann ca. 2-3 500 Seiten Starke Bücher lesen, ehe es wieder Hunger hat🙂 ).
        Die eBooks möchten auch bezahlt werden und dank Preisbindung sind sie nur geringfügig teurer als die echten Bücher (außer man kennt Mittel und Wege…)
        Es ist einfach nicht das Gefühl von einem Buch (oder kauft sich das Ding: http://www.etsy.com/listing/74428151/neverending-story-ereader-cover ). Daher kauft sich die echte Leseratte von den Lieblingen weiterhin die gebundene Ausgabe.

        kay… vielleicht doch nicht so gut der Vorschlag mit dem eReader

      • Ich hab mir neulich erst so an die 60 ebooks bei amazon für lau runtergeladen. die kindle software hab ich auf dem laptop. für den reader war ich bisher immer zu geizig. vielleicht bekomm ich irgendwo günstig einen her. dazu müsste ich allerdings auch erstmal geld haben😀

      • Wenn du 60 eBooks runtergeladen hast… mmmh… Wenn wir nun sagen, du liest die anstatt Bücher für Geld. Damit sparst du pi*Daumen 600€ (mit der Annanhme, dass jedes Buch etwa 10€ kostet).
        Kaufst du dir also ein eBook, frisst das erst mal ein Loch in deine Tasche. Bis du die 60Bücher aber drinne hast, hast du wiederum etwa 500€ gespart.

        Ja, dass ist eine ziemliche Milchmädchenrechnung, insbesondere wenn du die Dinger mit den Laptop liest, aber mein eReader (was allerdings ein Weihnachtsgeschenk war) hat mir im Januar und Februar jeweils 80€ Ersparnis gebracht. Zusammen mit den Büchern (die Meisten um die 14€) habe ich das Ding also schon wieder reingelesen.😀

      • Die Rechnung ergibt natürlich Sinn und der hätte sich sicher super schnell wieder gerechnet. Zumal ich auf das Teil auch Unikrempel laden könnte und alles. Aber Solang das Bafögamt sich nicht meldet und mir sagt, dass es mir Geld geben möchte, muss ich bei allem, was ich mir neu anschaffe entscheiden: Essen und die Anschaffung. Und bei der Entscheidung Reader oder lieber vier Wochen Essen haben ist die Entscheidung relativ einfach getroffen😉
        Aber es muss ja auch nicht immer alles sofort sein. Ich hab ja Zeit. Sobald Kohle reinkommt, kann man da nochmal drüber nachdenken

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