Dörte, eine geht noch

Oder auch: Dörte, you had one job!

Irgendwann gegen Ende des Praktikums ist man dazu übergegangen, sich die verschiedenen Versuche untereinander aufzuteilen. Nachdem man weiß, wie man titriert und auch keinen Bock mehr hat stundenlang darauf zu warten, dass man den Schmelzpunkt von seinem Krempel bestimmen kann, weil es für 22 Menschen genau ein Gerät dafür gibt, finden wir das alle durchaus legitim. Die Assis finden das mit Sicherheit auch super, denn so sind wir alle schnell fertig und sie schnell zu hause. Wir verteilen also unsere Aufgabengebiete. Dörte bekommt den einfachsten Versuch. Wir wissen alle warum. Weil am Ende nichts mehr für mich übrig bleibt, beschließe ich, ihr unter die Arme zu greifen, weil man schon den Verdacht hegt, dass sie auch mit diesem kleinen Versuch überfordert sein wird. Aber Dörte möchte das allein machen, sie ist ja schließlich ein großes Mädchen. Dann soll sie mal machen. Ich mache derweil den Versuch, den wir alle für uns machen müssen und löse dann eins der Mädels ab, die gerade einen Teil des Gemeinschaftsversuchs macht. Ich stehe gerade vor dem Wasserbad und spiele ChemieFondue, als ich sehe, wie besagtes Mädel aufgebracht durch die Reihen geht und die Abzüge durchsucht. Um die Brisanz dieser Situation zu verdeutlichen, sei hier gesagt, dass Dörte sich in der Nähe befindet.

F: Was is los, was suchst du?

M: Meine Probe, für den persönlichen Versuch ist verschwunden.

F: Wie, die ist verschwunden?!

M: Ja, ich hab die hier unter den Abzug gestellt.
*auf den Abzug, an dem sich Dörte positioniert hat deut*

F: Hast du vielleicht den Abzug verwechselt? Hier steht noch ein Reagenzglasständer mit einer Probe.

M: Nein, mein Reagenzglas war ganz voll und in dem ist kaum was drin. Dörte, hast du vielleicht meine Probe genommen?!

Diese Frage erntet natürlich tiefe Empörung. Was erdreistet sich das Weib auch, diese Möglichkeit auch nur ansatzweise in Betracht zu ziehen?! Wäre ich Dörte, wäre ich auch konsterniert.

Egal wo wir suchen, die Probe ist unauffindbar. Das Mädel arbeitet also mit der übrigen Probe, die da so stand. Was soll sie auch anderes machen.

Uns, die wir Dörte kennen, ist natürlich klar, was da passiert ist. Natürlich hat sie sich die falsche Probe gekrallt. Natürlich ist sie sich, spätestens nachdem sie gefragt wurde, ob sie eventuell die falsche Probe verwendet, absolut darüber im Klaren, dass sie sich die falsche Probe unter den Nagel gerissen hat, aber das zugeben? Niemals! Dann könnten einen die Anderen schließlich für unfähig halten. Wo gäbs denn sowas?! Sie beharrt also weiterhin darauf, dass sie ihre eigene Probe bearbeitet.

Dieses Mal muss ich aber sowohl über sie, als auch über besagtes Mädel wundern. Das Mädel ist auch eine Laborfee und im Labor lernt man schon ganz zu Anfang, dass man seine Proben immer immer immer beschriftet, damit man sie wiederfindet und nicht mit anderen Proben verwechselt. Das hat sie nicht getan. Bei so einer großen Gruppe von Menschen muss man sich dann nicht wundern, wenn es mal zu Verwechslungen kommt.
Allerdings hat Dörte natürlich wieder mal nicht aufgepasst und natürlich auch nichts beschriftet, obwohl sie während der vergangenen Versuchstage schon oft genug wegen unbeschrifteter Röhrchen durcheinander gekommen ist.
Lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Beide Versuche sind hin. Ergebnisse gibts nur durch raten. Immerhin raten beide gut.

10 Gedanken zu “Dörte, eine geht noch

  1. Kleiner Erziehungstip: alles ohne Beschriftung wird gnadenlos entsorgt. Hat bisher bei jedem (!) Zauberlehrling funktioniert.😉
    (und gleich am Anfang machen – 1) sind da 0 Punkte noch kein riesiges Drama *hust* bzw. es gibt eine reelle Chance das auszugleichn und 2) was Hänschen nicht lernt… usw )

    • Leider richtig. Unsere Assis waren nicht wirklich motiviert uns sowas beizubringen. Denen war wichtiger, dass wir irgendwie schnell fertig werden, damit die schnell ausem Labor raus können. Deswegen ist sowas immer irgendwie durchgekommen.

      • So läuft das heute also….😦 Da wundern mich manche Eintopfanalysen auch nicht mehr wirklich.
        (Eintopfanalyse darfst Du übrigens wörtlich verstehen: alle Proben zusammengekippt und eine Analytik durchgeführt. Ich hätte fast in die Laborbank gebissen….! Dörte ist überall😛 )

      • Boah was? Ich will mir gar nicht vorstellen, was da alles passieren kann….Zum Glück hatten wir ganz gute Versuchsanleitungen. Aber es gibt ja immer mindestens einen Leseresistenten in so ner Gruppe. Dörte ist echt überall.

      • Joah… die nachfolgende Generation macht mir mittlerweile manchmal Angst. Also im Labor. Super Noten (besagter Eintopfanalytiker hatte einen Schnitt von 1,4) aber null selbständig denken. Ok, es sind nicht alle so, aber die Tendenz ist eindeutig steigend. Leider. Irgendwo läuft da was ganz gewaltig schief. Dabei sind die gar nicht mal doof. Könnte ich jetzt wirklich nicht sagen.

        Als ich den Eintopfanalytiker gefragt habe, was dieses Ergebnis nun aussagt, kam er ja selber drauf, daß diese Vorgehensweise nix gebracht hat. Auf meine nächste Frage, warum er das dann so gemacht hat, bekam ich ne Antwort, in der die Worte „effektiv“ und „effizient“ drin vorkamen. Da wollte wohl in seinem Lebenslauf irgendwer irgendwann auch regelmäßig schnell nach Hause😦

      • Gut ich muss ja sagen, dass ich im selbstständig denken jetzt manchmal auch nich grad die größte bin, aber ich bin immerhin in der Lage nachzusehen, wo es steht, wenn ichs selbst nicht weiß. Gerade in Chemie, wo das Zusammenschütten von irgendwelchem Krempel nicht immer glimpflich ausgeht und es im Labor plötzlich nach faulen Eiern riecht…Das war auch ein spaß..

  2. Alles wissen kannst Du eh nicht. Aber man sollte wenigstens erkennen können, wann man besser jemanden fragt/ irgendwo nachschlägt (sei es Internet oder das klassische Buch)… Aber genau da fängt‘ s an: Der Mut zur Lücke😉 Nach fast 20 Jahren Labor kommt’s mir manchmal eher so vor, daß ich immer weniger weiß😉

    Eines weiß ich aber: der Geruch von faulen Eiern ist nicht zwingend ein Chemieunfall. Manchmal hat ein Kollege auch einfach nur einen fahren lassen:mrgreen:

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