Neulich, schon wieder, in der SBahn

Ich wache auf und werde gleich stürmisch von meinem neuen besten Freund begrüßt. Er heißt Migräne und er hat seine Gäng mitgebracht. Übelkeit, Gleichgewichtsstörung, Kreislaufschwäche und wie sie alle heißen. Die Jungs machen eine richtige Sause und ich bin eingeladen. Ich könnte liegen bleiben, aber geht nicht, in der Uni ist Kurs mit Anwesenheitspflicht. Et geht wieder bei die Leichen. Prima. Also ziehe ich mich an und schleppe mich zum Bahnhof. Ist ja noch eine Stunde bis ich da bin, alles wird gut. In der SBahn ist sogar ein Platz frei. Vielleicht kann ich noch ein bisschen vor mich hindösen, bevor ich aussteigen muss. Migräne und Gäng beginnen gerade ihre Abrissparty.  Für die von mir eingenommene Kopfschmerztablette hatten sie nur ein müdes Lächeln übrig.

Meine Toleranzschwelle zieht genervt eine Augenbraue hoch.

Einige Stationen später steigt ein, stark nach Obdachloser, aussehender Mann ein und versucht seinen Einkaufswagen in die Bahn zu wuchten. Das Ding ist vollgepackt, mit irgendwelchem Krempel. Ich beobachte das ganze Unterfangen, um ihm helfen zu können, sollten seine Bemühungen scheitern, aber er schafft es allein. Allerdings nicht ohne lautstark durch die Bahn zu krakeelen. Findet meine Toleranzschwelle jetzt nicht so prima und beginnt mit den Fingern auf der Tischplatte zu trommeln. Endlich in der Bahn beginnt er Selbstgespräche zu führen und Menschen, die aussteigen möchten, anzupöbeln.
Meine Toleranzschwelle geht zwei Schritte zurück und presst sich an eine Wand.
Super.
Ich mache die Musik in meinen Ohren etwas lauter und schließe erneut die Augen. Als ich sie das nächste Mal öffne, sitzt der Mensch neben mir. Den Einkaufswagen in der Sitzreihe nebenan geparkt.
Ganz großartig.
Jetzt bemerke ich auch das halb volle Bierglas, welches er mit sich rumträgt. Der Mann is voll wie ne Haubitze..
Meine Toleranzschwelle guckt mich mit großen Augen an. „Bitte, geh in ein anderes Abteil. Die Bahn ist leer. Du findest einen anderen Sitzplatz..“

„Solange er friedlich bleibt, passt das schon..“, denke ich.

In der Fensterspiegelung sehe ich, wie er sich seiner Schuhe und seiner Socken entledigt und dazu übergeht an seinen Zehen rumzupuhlen.
Meine Toleranzschwelle guckt sich verunsichtert nach allen Seiten um, unsicher dessen, was sie als nächstes tun soll.

„Na gut.“, denke ich wieder. „Solange er sich nicht vollkommen entblößt, wird es schon gehen..“

Er zieht Socken und Schuhe wieder an und nimmt sein Bierglas, welches er zur ausgiebigen Begutachtung seiner Zehen kurz zur Seite gestellt hat, wieder auf. Während der weiteren Fahrt rutscht er langsam in meine Richtung. Körperkontakt kommt zustande.
Meine Toleranzschwelle bekommt einen hochroten Kopf und schreit mir „ICH WILL DAS NICHT!!!“ „Setz dich jetzt gefälligst woanders hin, bevor der dir auf dem Schoß hängt!!“entgegen.
Ich will das auch nicht. Körperkontakt mit Fremden geht gar nicht.

Immerhin bemerkt er den Körperkontakt und korrigiert seine Lage in die entgegengesetzte Richtung. Weil das unfassbar kraftraubend zu sein scheint, nimmt er einen kräftigen Zug aus seinem Bierglas, nicht ohne mir seinen Ellenbogen, nebst dranhängendem Arm, dabei fast ins Gesicht zu schlagen.

Meine Toleranzschwelle hockt sich auf den Boden und umschließt mit beiden Armen ihre Beine.

„Gut.“, denke ich. „Das kann jedem mal passieren. Ist ja nochmal gut gegangen..“

Kurze Zeit darauf lässt er scheinbar sein Bierglas fallen. Ich erschrecke aufgrund des lauten Geräusches.
Mein neuer Sitznachbar ist wenig begeistert und geht dazu über lauthals durch die Bahn zu brüllen.

Meine Toleranzschwelle beginnt leise zu wimmern.

Mein neuer Sitznachbar kündigt an, sich auf den Boden zu legen.

Meine Toleranzschwelle kippt zur Seite und liegt nun in embryonaler Haltung auf dem Boden. Immernoch leise wimmernd. Langsam wiegt sie sich hin und her. „Bitte..“ flüstert sie leise.

Ok. Genug toleriert. Ich stehe auf und setze mich auf einen Platz im nächsten Waggon.

Eine Station weiter steigt eine Kommilitonin ein. Wir unterhalten uns.

Meine Toleranzschwelle atmet erleichtert auf und entspannt sich wieder.

Ich kann ja wirklich viel tolerieren, aber nicht mit Migräne und schon gar nicht am frühen Morgen.

15 Gedanken zu “Neulich, schon wieder, in der SBahn

  1. Also ganz ehrlich – für Migräne und am frühen Morgen bis Du ganz schön tolerant…

    …hast DU schon mal überlegt, Deine Toleranzschwelle zu einem Therapeuten auf die Chouch zu legen? Kannst Dich ja dabei daneben setzen und hast dann etwas zu grinsen…😀

  2. Ich bin beeindruckt von deiner Toleranz trotz Migräne!

    Also meine Toleranzschwelle hätte sich schon in dem Moment verkrümelt, als er sich zu mir gesetzt hätte. Wobei ich angetrunkenen gegenüber einfach keine Toleranz entgegenbringen kann.

  3. Boah, Migräne. Seit drei Wochen hab ich die. Zum ersten mal in meinem Leben und dann direkt in die Vollen.

    Aber ich glaub bei so einer Situation wäre ich mit Migräne sogar geplatzt. Solltest mal eine Stellenanzeige schreiben für eine neue Toleranzschwelle…

    • Ich beglückwünsche dich zur Migräne, mit ihr hast du einen neuen Freund fürs Leben gefunden. In etwa vergleichbar mit der Haltung einer Katze. Wenn du Glück hast, schaut sie nur ab und zu rein und will gefüttert werden. Wenn du Pech hast, hast du ne verschmuste Wohnungskatze…

      • Ich vermute mal es ist eine vom Typ Wohnungskatze. Eine, der mitm Tacker an die Rechte Hirnhälfte getackert worden ist😉

      • Vom Rechten Augenwinkel bis zum Rechten Ohr, wie ein glühender Nagel,d er einem mit einem Goldbarren in Zitronenscheibchen durchs Hirn geprügelt wird. Ich brauch einen Pangalaktischen Donnergurgler.
        (Ach nebenbei kannst auch mal wieder in meinem Blog vorbeischauen *total egomanisch sei*)

      • Ich könnte auf so vielen Blogs mal wieder vorbeischauen. ^^ Aber ich gelobe Besserung. Bald sind ja wieder Semesterferien. Da habe ich vieeel viel Zeit zum Lesen.
        Hoffe, du bist die Migräne bald los.

      • Ich empfehle Ratiopyrin. Das hilft mir immer gut. Da reicht auch meistens eine aus. Von dem ganzen anderen Krempel muss man ja immer gleich mehrere Schlucken. Freuen sich die Organe besonders.
        Ansonsten hilft wohl nur das gute Zeuch vom Neurologen.

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