Der Grieche

Wie ist das denn jetzt bitte schon wieder passiert?! Eben feiert man noch ausgelassen eine Party und plötzlich sitzt man in der Notaufnahme und hält Händchen.

Laura geht mit mir in eine Klasse und ist erst in die Stadt gezogen. Aus diesem Grund feiert sie mit ihrer WG eine kleine Einweihungsparty. Ok eine größere Einweihungsparty. Thema der Festivität ist Fetisch. Ist ja als GothicFee wie fischen im Fass. Also rein ins Korsett und ab dafür. Freund ist sich zu fein, um sich aufzurüschen. Ganz schönes Mädchen, der Olle. Weil ich aber voll das richtige Mädchen bin, brauche ich natürlich wieder ewig lange und wir kommen viel zu spät. Als wir da sind, sind die anderen Feen aus der Klasse schon recht gut angesäuselt. Da in ein Korsett nicht mehr, als ein Glas Wasser passt, trinke ich nicht viel. Es ist trotzdem sehr ausgelassen und lustig. Die wirklich bekloppten brauchen keinen Alkohol, um Spaß auf einer Party zu haben. Irgendwann kommt der Grieche mit einer Flasche braunem Rum zu mir und hält mir diesen vors Gesicht. Ich nehme einen Schluck, aber das Zeug schmeckt wie Frostschutzmittel. Als ich die Flasche vom Mund nehmen will, hält er sie fest, wohl in der Hoffnung, dass ich mehr von dem ekligen Zeug in mich reinkippe. Von wegen.
In welchen Zaubertrank ist der gefallen? Der ist doch sonst nicht so drauf. Naja, vielleicht hat er einfach schon ein wenig zu viel Alkohol.

Ich habe keine Zeit mir weiter darüber Gedanken zu machen, denn ich sehe im Augenwinkel, wie Fee (heißt so wie ich) zu einem Stuhl wankt und gar nicht gesund aussieht. Als ich mich nach ihrem Befinden erkundige, lallt sie mir entgegen, ob ich sie zur Toilette begleiten könnte. Freund sagt, dass er das übernimmt und klemmt sich die wankende, lallende Fee quasi unter den Arm. Es dauert eine Ewigkeit, bis er zurückkommt. “ Fee gehts gar nicht gut, ich rufe jetzt jemanden an, der sie abholen kann, bringe sie nach draußen und warte dann mit ihr, bis sie sicher im Auto sitzt.“ sagts und verschwindet auch gleich wieder. Inzwischen sieht der Grieche auch nicht mehr allzu gesund aus. Auch hier erkundige ich mich nach dem Befinden. Ihm sei übel. Ich rate ihm, sich ein wenig ans offene Fenster zu setzen und ein wenig frische Luft zu schnappen. Ich passe auf, dass er sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnt und am Ende noch rausfällt. Als ich sicher bin, dass er sicher sitzt und einigermaßen verwahrt ist, schaue ich nach, ob Freund schon wieder zugegen ist. Ist er nicht. Als ich ins Zimmer zurückkehre, ist der Grieche auch verschwunden. Einige Zeit vergeht.

Irgendwann bemerke ich einen Auflauf im Flur. Vor der Toilettentür stehen eine Menge Leute. Die Tür ist verschlossen. Ich frage nach und erfahre, dass der Grieche dort drin sitzt. Ich höre Lauras Mitbewohnerin sagen: „Man..ich hoffe für den, dass der gerade Sex hat und ich deswegen nicht aufs Klo kann…“. Da seine Freundin neben mir steht, schließe ich das mal aus. Die Tür lässt sich nachwievor nicht öffnen und auf Rufen reagiert niemand. Kein gutes Zeichen. Irgendwie klappt es, das Gitter, welches sich unten an der Tür befindet, zu entfernen. Der Grieche scheint eingeschlafen zu sein. Der Schlüssel steckt nicht in der Tür, wird aber mühsam hervorgeangelt, um die Tür öffnen zu können. Als diese endlich offen ist, geht seine Freundin in das Zimmer und kommt erstmal nicht mehr raus. Inzwischen ist Freund auch wieder da und ich bringe ihn auf den neusten Stand. Langsam wird die Sache Besorgnis erregend.

Nach einigen Augenblicken streckt Freundin den Kopf aus der Tür und bittet um Hilfe. Laura ist sofort zur Stelle und geht ebenfalls rein. Ich frage, ob alles in Ordnung ist und Freund fragt, ob er einen Arzt rufen soll, aber Freundin winkt ab. Doch nach weiteren Augenblicken streckt sie ihren Kopf wieder raus und sagt: „Freund, ruf bitte einen Arzt.“ Mehr nicht. Und Freund tut, wie ihm geheißen, geht raus und ruft den Notruf. Da wir gerade nichts tun können, gehen wir nach draußen, um den Rettungswagen einzuweisen und die Retter in Empfang zu nehmen. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, aber wahrscheinlich nicht länger, als eine viertel Stunde. Die Straßen dort sind eng und es ist kein leichtes Durchkommen für das große Fahrzeug. Dann ist der Rettungswagen da und wir führen die beiden Rettermännlein in die Wohnung. Dort stehen immernoch alle vor dem Badezimmer und müssen erstmal verscheucht werden. Dann verschwinden sie ebenfalls im Badezimmer und überlegen, wie man den Griechen am Besten nach draußen transferieren könnte. Trage geht nicht, dafür ist das Treppenhaus zu schmal, also wird das Tragetuch genommen. Auf dem Weg nach unten kommt der Grieche wieder zu sich und fängt an zu brüllen, man solle ihn in Ruhe lassen und er möchte nicht mitgehen und das alles in einem mehr als aggressiven Tonfall. So habe ich ihn noch nie erlebt. Draußen angekommen ist das Krakeelen in Wimmern umgeschlagen. Er jammert, ihm sei kalt und er brauche eine Decke.

Er wird verladen und erstmal untersucht. Seine Freundin macht ein paar Angaben, setzt die Rettermännlein von seinem kürzlichen Pneumothorax in Kenntnis und versucht sie davon zu überzeugen, dass er nicht so viel getrunken hat, wie es gerade den Anschein macht. Das können wir so bestätigen. Wir haben ihn ja den ganzen Abend lang gesehen. Aber sowas hören Rettungskräfte wahrscheinlich alle Nase lang. Als die erste Versorgung so weit abgeschlossen ist, geht es ins Krankenhaus. Ich frage Freundin noch, ob wir ihnen hinterher fahren sollen. „Ihr müsst natürlich nicht, aber es wäre total lieb, wenn ihr das tun könntet…“ Dann tun wir das doch.
Kleiner Haken: Der Freund fährt wie eine alte Frau auf einer leeren Straße. Hält an roten Ampeln und all so Kram. Ich wär voll durchgebrettert, um den Rettungswagen nicht zu verlieren. Hätter besser auch mal gemacht, denn im Rettungswagen wurde kurzfristig beschlossen ein anderes Krankenhaus anzufahren, weil im Wunschkrankenhaus keine Betten mehr frei sind. Das wissen wir aber nicht, denn wir stehen ja an einer roten Ampel, auf einer vollkommen leeren Straße. Und Freundin hat weder meine Handynummer, noch die von Freund, weswegen sie erstmal bei anderen aus der Klasse anruft, die die auch nicht haben und auch eher weniger erfreut sind, mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt zu werden. Am Krankenhaus angekommen fragen wir den Pförtner, der uns sagt, dass der Rettungswagen woanders ist. Er ist sogar so nett uns zu sagen wo der hin ist, weswegen wir uns gleich wieder auf den Weg machen. Und dann sind wir da und Freundin nimmt uns vor der Notaufnahme in Empfang.

Und da sitzen wir nun und spenden Freundin trost, die sich nicht wirklich entscheiden kann, ob sie vor Scham im Boden versinken oder sich Sorgen um ihren Freund machen soll. Das Ganze ist ihr furchtbar peinlich, aber gleichzeitig liegt ihr Freund gerade in einem Behandlungszimmer im Krankenhaus. Wir versuchen ihr ein bisschen beizustehen. Mehr können wir nicht tun. Nichtmal Kaffee gibts da. Ich meine, mir ist das ja egal, aber der Freund ist mittlerweile echt müde und könnte einen gebrauchen und auch Freundin sieht aus, als würde sie zu einem Kaffee nicht nein sagen, wobei ich ihr wohl eher einen Beruhigungstee in die Hand gedrückt hätte, aber den gibts selbstverständlich auch nicht.
Nach ein paar Stunden kommt ein Arzt und sagt, dass dem Griechen wohl irgendjemand Drogen ins Getränk getan habe, welche sich mit dem Alkohol scheinbar nicht gut vertrugen und ihn einfach mal ausgeknockt haben. Der Arzt sagt auch, dass wir nach hause fahren sollen, da der Grieche nun ohnehin schlafe und erstmal zur Beobachtung bleiben müsse. Außerdem müsse auch das Labor noch abgewartet werden. Da Freundin in der Nachbarstadt wohnt, das Krankenhaus irgendwo im Nirgendwo liegt und um diese Zeit öffentliche Verkehrsmittel eher rar gesät sind, bringen wir sie noch nach Hause. Nach der Nacht wollen wir sicher sein, dass sie gut nach Hause kommt. Während der Fahrt setze ich noch schnell Laura auf den neusten Kenntnisstand, der das ganze mindestens genauso peinlich ist, da das ganze bei ihr daheim passierte und scheinbar einer der Gäste der Verantwortliche ist.
Als Freundin zu Haus abgeliefert ist, fahren auch wir nach Hause. Mittlerweile ist es sechs Uhr in der früh und wir fallen mehr ins Bett, als das wir uns bewusst hinein legen.
Gerade habe ich mich unter die Decke gekuschelt, da höre ich, wie Freunds Mutter fröhlich in den Tag startet, während meine Nacht gerade erst beginnt…

Sie lasen eine Geschichte aus meiner Ausbildungszeit.

Das war eine Nacht kann ich euch sagen..Sowas will ich niemals wieder erleben. Es ist zum Glück nichts schlimmeres passiert. Nach zwei Tagen konnte der Grieche das Krankenhaus wieder verlassen. Was ihm ins Getränk gemixt wurde, konnte nicht mehr nachgewiesen werden. Der Verantwortliche wurde selbstverständlich auch nicht ermittelt. Is ja keiner so bekloppt und schreit laut „Ich war das!!“
Nach einigen Tagen kam der Grieche zu uns und bedankte sich bei uns. Für was auch immer, denn viel haben wir ja nicht getan. Ironischer Weise bedankte er sich mit Selbstgebranntem von seiner Mutter. Fand ich nett.

Ich hatte überlegt, ob ich die Geschichte an Herrn AlltagimRettungsdienst schicke, um einen Beitrag zu seinem Erste Hilfe Aufruf zu leisten. Aber eigentlich habe ich ja nicht wirklich etwas dazu beigetragen, weswegen ich sie einfach hier poste. Falls Herr AlltagimRettungsdienst das liest und die Geschichte für würdig befindet, darf er sie natürlich gern bei sich veröffentlichen.

5 Gedanken zu “Der Grieche

    • Vermutlich nicht..Gehört zu den Dingen, die ich nicht zwingend testen muss.

      Finde Katastrophenmanagement da auch viel passender. Bedauere immernoch nicht Astrophysik studiert zu haben. Master of the universe wäre schon ein schöner Titel. Aber vielleicht nimmt ja irgendein Bakterium meine Rose an, wenn der Bachelor erstmal durch ist..

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s